Das Narrativ der „Nazifizierung“ der Ukraine: Eine Analyse und ein Vergleich mit rechtsextremen Strukturen in Russland

Das Narrativ der „Nazifizierung“ der Ukraine: Eine Analyse und ein Vergleich mit rechtsextremen Strukturen in Russland
Photo by Diana Vyshniakova / Unsplash

1. Einleitung

Seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine im Februar 2022 spielt das Narrativ der „Nazifizierung“ eine zentrale Rolle in der offiziellen russischen Kriegslegitimation. Die Behauptung, die Ukraine sei von „Nazis“ durchsetzt oder gar von ihnen kontrolliert, dient als moralische Rechtfertigung für militärische Gewalt und territoriale Ansprüche. Dieses Narrativ ist nicht neu; es knüpft an sowjetische und postsowjetische Diskurse an, in denen ukrainischer Nationalismus häufig als „faschistisch“ markiert wurde.

Der vorliegende Aufsatz untersucht die empirische Tragfähigkeit dieser Behauptung und vergleicht die rechtsextremen Strukturen in der Ukraine mit jenen in Russland. Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen politischer Propaganda und wissenschaftlicher Analyse herauszuarbeiten und zu zeigen, dass das russische Narrativ einer „Nazifizierung“ der Ukraine nicht durch Fakten gedeckt ist. Gleichzeitig wird dargestellt, dass rechtsextreme Ideologie und Akteure in Russland selbst eine tiefere strukturelle Verankerung aufweisen als in der Ukraine.


2. Begriffliche Grundlagen: Rechtsextremismus und „Nazifizierung“

Rechtsextremismus wird in der Forschung als Sammelbegriff für Ideologien und Akteure verstanden, die ethnonationalistische, autoritäre und antidemokratische Positionen vertreten. Typische Elemente sind Rassismus, Antisemitismus, Geschichtsrevisionismus und die Ablehnung liberaler Demokratie.

Der Begriff „Nazifizierung“ hingegen bezeichnet im strengen Sinn die systematische Durchdringung eines Staates durch nationalsozialistische Ideologie, einschließlich:

  • einer rechtsextremen Einheitspartei,
  • staatlich legitimierter rassistischer Verfolgung,
  • totalitärer Kontrolle über Medien, Bildung und Sicherheitsapparate,
  • institutionalisierter Gewalt gegen Minderheiten.

Für die Ukraine existieren keine empirischen Hinweise, die eine solche Struktur nahelegen. Die Verwendung des Begriffs durch Russland ist daher propagandistisch, nicht analytisch.


3. Rechtsextremismus in der Ukraine: Empirische Bestandsaufnahme

3.1 Wahlpolitische Bedeutung

Rechtsextreme Parteien wie Swoboda oder der Rechte Sektor haben in der Ukraine seit 2014 nur geringe Stimmenanteile erzielt. Bei den Parlamentswahlen 2019 erreichten sie gemeinsam weniger als 3 %. Keine rechtsextreme Partei ist Teil der Regierung oder hält zentrale Staatsämter.

Die politische Landschaft der Ukraine ist pluralistisch, fragmentiert und von wechselnden Koalitionen geprägt. Rechtsextreme Akteure sind wahlpolitisch marginal.

3.2 Militärische Strukturen: Das Beispiel Asow

Das Asow-Bataillon, später als Regiment in die Nationalgarde integriert, ist der prominenteste Bezugspunkt des russischen Narrativs. In der Frühphase 2014 zog Asow tatsächlich auch Neonazis und rechtsextreme Aktivisten an.

Wissenschaftlich relevant sind jedoch drei Differenzierungen:

  1. Asow ist nicht repräsentativ für das ukrainische Militär.
    Die ukrainischen Streitkräfte umfassen Hunderttausende Soldaten; Asow stellt nur einen Bruchteil dar.
  2. Die ideologische Zusammensetzung hat sich verändert.
    Mit der Integration in staatliche Strukturen wurde Asow heterogener; rechtsextreme Symbolik wurde reduziert, ohne vollständig zu verschwinden.
  3. Rechtsextreme Individuen ≠ rechtsextremer Staat.
    Auch westliche Armeen haben rechtsextreme Mitglieder, ohne dass der Staat als „nazifiziert“ gilt.

3.3 Gesellschaftliche Präsenz und Gewalt

Rechtsextreme Gruppen in der Ukraine sind sichtbar in:

  • Hooligan-Szenen,
  • Rechtsrock- und Kampfsportmilieus,
  • Angriffen auf Roma, LGBTIQ*-Personen und linke Aktivisten.

Diese Gewalt ist real und problematisch, wird aber nicht staatlich legitimiert. Zivilgesellschaftliche Organisationen dokumentieren und kritisieren sie offen. Die Ukraine verfügt über eine aktive Medienlandschaft, die rechtsextreme Gewalt thematisiert — ein deutlicher Unterschied zu autoritären Staaten.


4. Rechtsextremismus in Russland: Ideologie, Staat und Gewalt

4.1 Nationalismus als Bestandteil der Staatsideologie

Russlands politische Führung nutzt seit den 2000er Jahren zunehmend nationalistische und traditionalistische Narrative. Elemente wie:

  • die Idee der „russischen Welt“ (russkij mir),
  • die Abwertung des Westens als „dekadent“,
  • die Betonung „traditioneller Werte“,
  • die Feindmarkierung von Minderheiten und Opposition,

sind zentrale Bestandteile staatlicher Kommunikation. Diese Narrative überschneiden sich inhaltlich mit rechtsextremen Ideologien, ohne dass der Staat sich selbst als rechtsextrem bezeichnet.

4.2 Rechtsextreme Gewalt und Organisationen

In den 2000er Jahren erlebte Russland eine Welle rechtsextremer Gewalt, darunter:

  • Skinhead-Angriffe,
  • rassistische Morde an Migrant*innen,
  • Pogrome gegen Minderheiten.

Obwohl der Staat einige Gruppen verbot, blieb die nationalistische Grundstimmung bestehen. Rechtsextreme Subkulturen existieren weiterhin, teils in veränderter Form (Online-Radikalisierung, Kampfsport, Kriegsbeteiligung).

4.3 Rechtsextreme Kämpfer im Ukrainekrieg

Rechtsextreme Freiwillige kämpfen auf russischer Seite in Einheiten, die offen rechtsextreme Symbolik verwenden. Sie interpretieren den Krieg als „Kreuzzug“ gegen den Westen und die Ukraine.

Im Unterschied zur Ukraine stehen diese Narrative näher an der offiziellen Staatspropaganda.


5. Das russische Narrativ der „Nazifizierung“: Funktion und Konstruktion

Das Narrativ erfüllt mehrere politische Funktionen:

  1. Legitimierung des Angriffskrieges
    Die Behauptung, man bekämpfe „Nazis“, schafft moralische Rechtfertigung für Gewalt.
  2. Delegitimierung der ukrainischen Staatlichkeit
    Die Ukraine wird als „künstlicher“, „faschistischer“ Staat dargestellt.
  3. Mobilisierung der eigenen Bevölkerung
    Der Bezug auf den „Großen Vaterländischen Krieg“ aktiviert historische Emotionen.
  4. Ablenkung von eigenen rechtsextremen Tendenzen
    Indem Russland den Vorwurf externalisiert, werden interne Probleme unsichtbar gemacht.

Das Narrativ ist daher strategisch, nicht empirisch.


6. Vergleichende Analyse

6.1 Politische Strukturen

  • Ukraine: pluralistisch, wechselnde Regierungen, rechtsextreme Parteien marginal.
  • Russland: autoritär, nationalistische Elemente in der offiziellen Ideologie.

6.2 Militärische Strukturen

  • Ukraine: rechtsextreme Elemente in einzelnen Einheiten, aber keine strukturelle Dominanz.
  • Russland: rechtsextreme Freiwillige und Symbolik, ideologisch kompatibel mit Staatspropaganda.

6.3 Gesellschaftliche Einstellungen

  • Ukraine: Nationalismus als Reaktion auf Krieg und Bedrohung; rechtsextreme Gewalt vorhanden, aber nicht hegemonial.
  • Russland: Nationalismus und Xenophobie stärker verbreitet, teils staatlich verstärkt.

6.4 Staatliche Reaktionen

  • Ukraine: ambivalent, aber keine systematische Förderung rechtsextremer Ideologie.
  • Russland: selektive Repression, gleichzeitig ideologische Nutzung rechtsextremer Narrative.

7. Schlussfolgerung

Die Analyse zeigt deutlich, dass das russische Narrativ der „Nazifizierung“ der Ukraine keine empirische Grundlage hat. Rechtsextreme Gruppen existieren in der Ukraine, sind aber wahlpolitisch marginal, gesellschaftlich umstritten und nicht strukturell in den Staat eingebettet.

Im Gegensatz dazu weist Russland eine tiefere ideologische Verflechtung zwischen Staat, Nationalismus und rechtsextremen Narrativen auf. Rechtsextreme Akteure und Diskurse sind dort näher an der politischen Macht und werden teilweise aktiv genutzt, um innen- und außenpolitische Ziele zu verfolgen.

Das Narrativ der „Nazifizierung“ dient daher primär der Legitimierung eines Angriffskrieges, nicht der Beschreibung gesellschaftlicher Realität. Eine wissenschaftliche Analyse zeigt: Die Ukraine ist nicht nazifiziert, und die russische Behauptung ist ein propagandistisches Konstrukt, das von eigenen rechtsextremen Tendenzen ablenkt.