Der Iran-Krieg: Wie Amerika – und Israel – die Welt in Brand steckten

Der Iran-Krieg: Wie Amerika – und Israel – die Welt in Brand steckten
Photo by UX Gun / Unsplash

Stand: 13. April 2026


Es war kein Blitz aus heiterem Himmel. Wer die Entwicklungen der letzten Jahre verfolgt hat, wusste: Dieser Krieg war geplant. Gründlich, heimtückisch und mit einer Rücksichtslosigkeit gegenüber dem Völkerrecht, die selbst hartgesottene Beobachter erschüttert. Und nun stecken wir mittendrin – in einem Konflikt, dessen Kosten täglich steigen, dessen Ausgang offen ist und dessen Konsequenzen weit über den Persischen Golf hinausreichen.

Man könnte diesen Krieg „Trumps Krieg" nennen. Das wäre nicht falsch – aber es wäre unvollständig. Dieser Krieg hat in Wahrheit zwei Architekten. Der eine heißt Donald Trump. Der andere heißt Benjamin Netanjahu. Und wer die Mechanismen des Konflikts begreifen will, muss beide im Blick behalten.


Israels langer Weg in diesen Krieg

Der Hass zwischen Israel und der Islamischen Republik Iran ist nicht neu. Während der Pahlavi-Ära herrschte noch eine freundschaftliche Beziehung zwischen beiden Staaten. Mit der Iranischen Revolution 1979 endete das abrupt. Seitdem hat Teheran die Vernichtung Israels zur Staatsdoktrin erhoben, Israel die Beseitigung des iranischen Atomprogramms zum Überlebensziel.

Konkret wurde die Bedrohungswahrnehmung, als die IAEO zwei Wochen vor dem ersten US-Angriff im Juni 2025 mitteilte, der Iran verfüge über 408 Kilogramm auf 60 Prozent angereichertes Uran – genug für den Bau von etwa neun Atombomben bei weiterer Anreicherung. Für Israel war das eine rote Linie, die nicht verhandelbar war.

Aber Netanjahus Motive reichten weiter als das Atomprogramm. Nach dem Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023, dem die Spannungen mit dem Iran verbündeten Huthi-Milizen und der Hisbollah folgten, sah Jerusalem ein strategisches Zeitfenster, das sich möglicherweise nie wieder öffnen würde: ein US-Präsident im Weißen Haus, der bereit war mitzumachen; ein Iran, der durch jahrelange Sanktionen geschwächt war; eine iranische Militärführung, die man durch eine aufwendige Täuschungsaktion in falscher Sicherheit wiegte.

Und – das ist der Subtext, der selten offen ausgesprochen wird – ein Netanjahu, dem persönlich das Wasser bis zum Hals stand: Mehrere Strafverfahren wegen Korruption und Vorteilsnahme im Amt laufen gegen ihn. Er weiß, dass eine Wahlniederlage möglicherweise seine Strafverfolgung bedeutet. Ein Krieg, ein nationaler Ausnahmezustand, schützt ihn vor dem Haftrichter. Das war schon im Gaza-Krieg zu beobachten.


Die Planung: Mossad, Täuschung, Timing

Die Operation war kein spontaner Entschluss. Die israelische Operation Rising Lion wurde laut der New York Times bereits seit Dezember 2024 geplant – und damit noch bevor Trump im Amt war. Der Mossad hatte monatelang im Verborgenen operiert: Drohnenteile, Munition und sogar Flugzeuge mit Waffensystemen wurden in Koffern, Lastwagen und Schiffscontainern in den Iran geschmuggelt, um die iranische Flugabwehr von innen heraus auszuschalten. In der Nähe Teherans errichteten Agenten des Mossad eine Drohnenbasis, um auf Israel gerichtete iranische Boden-Boden-Raketen noch auf iranischem Territorium abzufangen.

Parallel dazu führten Israel und die USA eine koordinierte Desinformationskampagne durch, um Teheran bis kurz vor dem Angriff in falscher Sicherheit zu wiegen. Iran hatte gerade eine neue Verhandlungsrunde in Oman erwartet. Die iranische Führung interpretierte Warnzeichen als psychologische Kriegsführung. Hochrangige Militärs ignorierten Anweisungen zur Evakuierung – und wurden bei gezielten Schlägen auf Teheran getötet. Israelische Beamte erklärten später, Präsident Trump sei aktiv an der Täuschung beteiligt gewesen und habe vom Angriff gewusst, seit Netanjahu am 9. Juni 2025 den Entschluss gefasst hatte.

Am 13. Juni 2025 begann Israel mit massiven Luftangriffen auf iranische Ziele. Getötet wurden: der iranische Generalstabschef, der Kommandeur der Revolutionsgarden, der Quds-Brigaden-Kommandeur sowie Nuklearphysiker. Die Atomwissenschaftler, die das Programm seit Jahren vorangetrieben hatten, wurden gezielt eliminiert. Die israelische Luftwaffe griff weitgehend ungestört an – die iranische Luftverteidigung war durch die Vorarbeit des Mossad faktisch ausgeschaltet worden.

In der Nacht auf den 22. Juni 2025 trat dann die USA in den Krieg ein: Operation Midnight Hammer, 30 Tomahawk-Marschflugkörper auf Isfahan und Natanz, gefolgt von B-2-Bombern mit bunkerbrechenden GBU-57-Bomben – 13,6 Tonnen Gefechtsgewicht, 14 Stück eingesetzt. Der gesamte Angriff dauerte 25 Minuten.


Februarwelle 2026: Der zweite Akt

Israel ließ es dabei nicht bewenden. In dem israelischen Militär und der Politik war von Anfang an die Forderung laut geworden, den Iran weiter und dauerhafter zu schwächen. Um den Jahreswechsel 2025/2026 entbrannte diese Debatte erneut. Am 28. Februar 2026 griffen die USA und Israel gemeinsam erneut an – diesmal töteten sie Ajatollah Ali Chamenei, den Obersten Führer, der Iran seit 1989 regiert hatte. Sein Sohn Mojtaba, ein Hardliner mit engen Verbindungen zu den Revolutionsgarden, wurde zum Nachfolger ernannt.

Netanjahus Kriegsziele für diese zweite Runde waren ehrgeizig: das Atomprogramm endgültig zerstören, die Raketenfabriken vernichten, das Regime destabilisieren oder stürzen, den regionalen Einfluss des Irans durch Angriffe auf sein Milizennetzwerk – Hisbollah, Hamas, Huthi – dauerhaft brechen. Und im Schatten des Krieges: die Westjordanland-Politik forcieren. Kaum hatte der Krieg begonnen, verhängte die IDF eine totale Militärsperre über das besetzte Westjordanland, gab israelischen Siedlern freie Hand bei der Vertreibung palästinensischer Gemeinden und genehmigte neue Siedlungen – trotz Warnung des eigenen Armeechefs. Die Strategie war klar: Der Krieg gegen den Iran bot den idealen Deckmantel für die Verwirklichung territorialer Ziele, die international nie akzeptiert worden wären.


Was wirklich getroffen wurde – und was nicht

Die militärische Bilanz ist ambivalent. Auf der Habenseite Israels: die iranische Raketindustrie wurde schwer beschädigt, die Luftabwehr zerstört, die Führungsspitze dezimiert, eine Urankonversionsanlage in Isfahan dem Erdboden gleichgemacht. Doch die zentrale Frage bleibt offen: Wurde das Atomprogramm wirklich gestoppt?

Ein Geheimbericht der US-amerikanischen Defense Intelligence Agency (DIA) kommt zu einer ernüchternden Einschätzung: Die unterirdischen Atomanlagen in Fordo seien nicht zerstört worden. Der Iran sei in seinem Atomprogramm nur um einige Monate zurückgeworfen worden. Fachleute schätzen, er könnte sich bereits in der zweiten Jahreshälfte 2026 dem Bau einer Atombombe wieder annähern – sofern es nicht zu weiteren Angriffen kommt. Und genau das, so prophezeien Sicherheitsexperten, ist eine Frage des Wann, nicht des Ob: Der Mossad behält tiefe Einblicke in die iranischen Planungen; neue Angriffe werden folgen.

Das am klarsten formulierte politische Ziel Israels – der Sturz des Regimes in Teheran – blieb vollständig unerreicht. An der Spitze des iranischen Staates steht nun Mojtaba Chamenei, kein gemäßigter Übergangspolitiker, sondern ein Hardliner. Die Revolutionsgarden sind intakt. Die innere Machtelite zeigte keine Brüche.


Israels Rechnung: Gewonnen oder verloren?

Die Antwort hängt davon ab, wen man fragt.

Netanjahu selbst gibt sich siegesgewiss: Der Iran feuere nur noch die Reste seiner Raketenbestände ab, die Produktionsanlagen seien zerstört. Ukrainische Pressestimmen formulieren es noch direkter: Israel hat bei diesem Feldzug einen starken Verbündeten an Bord geholt und zerstört systematisch das militärische Potenzial des Iran.

Die eigene Opposition sieht es anders. Yair Lapid, Israels Oppositionsführer, nennt den Waffenstillstand ein diplomatisches Desaster und spricht von der größten politischen Katastrophe in der Geschichte Israels. Netanjahu wurde beim Waffenstillstand faktisch übergangen – das Wall Street Journal berichtete, er sei erst kurz vor der Bekanntgabe informiert worden. Der Libanon-Teil des Deals war für Israel nicht verhandelbar gewesen; er war trotzdem drin.

Militärisch mögen Teilerfolge erzielt worden sein. Diplomatisch ist Israel isolierter denn je: von Teilen der US-Demokraten und Republikanern, von Westeuropa, von gemäßigten Kräften, die Israel hätten unterstützen können, und von jedem möglichen Dialog mit den Palästinensern. In den USA haben inzwischen 60 Prozent der Befragten ein negatives Bild von Israel – 2022, vor dem Gaza-Krieg, waren es noch 42 Prozent. Unter Jüngeren sind es 70 Prozent.

Die finanziellen Kosten sind atemberaubend. Seit dem 7. Oktober 2023 hat Israel insgesamt rund 352 Milliarden Schekel an Kriegskosten aufgewendet. Die Kosten der aktuellen Operation werden auf mindestens 65 Milliarden Schekel (rund 18 Milliarden Euro) geschätzt – ohne indirekte wirtschaftliche Schäden. Das Staatsdefizit wird auf 5,6 Prozent steigen, nationale Infrastrukturprojekte wie die geplante Metro in Tel Aviv werden verschoben.


Der Libanon: Israels eigener Krieg im Krieg

Israel schloss sich der Waffenruhe vom 8. April an – und erklärte gleichzeitig, dass der Libanon davon ausgenommen sei. Netanjahu ließ die Kämpfe gegen die Hisbollah unvermindert weiterlaufen, innenpolitisch wohl auch, um das Gesicht zu wahren. Das Waffenstillstandsabkommen von 2024 hatte Israel nach Angaben der WSWS ohnehin bereits mehr als 10.000 Mal gebrochen.

Die Logik dahinter ist durchschaubar: Im Krieg gegen den Iran hat Netanjahu keines seiner zentralen Ziele erreicht. Im Libanon soll ein Sieg erzwungen werden, der innenpolitisch als Erfolg verkauft werden kann. Doch die Hisbollah ist kaum geschwächt. Getötete Anführer werden ersetzt, Waffenlager verlagert. Israelische Sicherheitsexperten warnen: Durch das Weiterkämpfen im Libanon während der Waffenruhe riskiert Israel, die gesamte Feuerpause zu torpedieren – und den Iran zu einer Wiederaufnahme der Angriffe auf israelisches Territorium zu provozieren.


Was Trump behauptete – und was die eigenen Geheimdienste sagten

Trumps offizielle Kriegsgründe: das iranische Atomprogramm zerstören, die Steuerung von Terrormilizen beenden, die Raketenkapazitäten dezimieren, dem iranischen Volk Freiheit bringen. Teile seiner Regierung und Verbündete wie Senator Lindsey Graham stilisierten den Krieg gar als Religionskrieg oder Heiligen Krieg gegen das Böse.

Die Geheimdienstchefin Tulsi Gabbard hatte jedoch noch kurz vor Kriegsbeginn vor dem Senat bestätigt: Die US-Geheimdienste seien zu dem Schluss gekommen, der Iran baue keine Atomwaffen, und das Atomwaffenprogramm sei von Chamenei weiterhin nicht genehmigt worden. Der DIA-Bericht stellte fest, das Atomprogramm sei durch die Angriffe nur um einige Monate zurückgeworfen worden. Für Trumps Behauptung, der Iran verfüge über Interkontinentalraketen, die die USA erreichen könnten, fanden amerikanische Dienste keinerlei Belege.

Außenminister Rubio erklärte, Israel habe vor einem Angriff auf den Iran gestanden, der zu Vergeltungsschlägen gegen amerikanische Streitkräfte geführt hätte. Trump widersprach dieser Darstellung und sagte, er habe Israels Hand geführt. Beide Aussagen widersprechen einander. Was sie gemeinsam haben: Sie räumen ein, dass die Initiative maßgeblich von Israel ausging, und die USA mitgezogen wurden.

Die überwiegende Mehrheit der Völkerrechtler stuft den Krieg als klaren Verstoß gegen das allgemeine Gewaltverbot ein. Eine unmittelbare Bedrohung durch den Iran bestand nicht.


Kosten, Schäden, Tote

Bis zum 8. April 2026: 13 amerikanische Militärangehörige getötet, darunter sieben in einem kuwaitischen Hafen, der durch russische Geheimdienstinformationen lokalisiert worden war. Im Libanon über 1.500 Tote. Im Iran Tausende – darunter rund 6.400 Militärangehörige. Die Zahl der zivilen Opfer durch Luftschläge und Gegenangriffe auf Golfstaaten ist schwer zu beziffern.

Der Iran reagierte auf den Angriff und Chameneis Tod mit Vergeltungsschlägen auf Israel und auf US-Militäreinrichtungen in Katar, Bahrain, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Irak, Jordanien, Kuwait – insgesamt mindestens neun Staaten. Ein britischer Militärstützpunkt in Zypern wurde mit einer iranischen Drohne angegriffen, eine ballistische Rakete Richtung der türkischen Incirlik Air Base wurde von der NATO abgefangen. Frankreich und Griechenland kamen militärisch zu Hilfe.

Die USA haben bis Tag 12 des Krieges 16,5 Milliarden Dollar aufgewendet. Die Folgekosten liegen bei geschätzten 890 Millionen bis einer Milliarde Dollar täglich.


Der Stand heute: Wacklige Waffenruhe, neue Blockade

Am 8. April einigten sich die USA und der Iran auf eine zweiwöchige Waffenruhe. Seit heute, dem 13. April, hat das US-Militär ab 16:00 Uhr MESZ eine Seeblockade in Kraft gesetzt: Allen Schiffen, die iranische Häfen anlaufen, wird die Passage durch die Straße von Hormus untersagt. Der Iran droht im Gegenzug mit Angriffen auf Häfen im Persischen Golf. Die Friedensgespräche in Islamabad sind gescheitert.

Iran lehnte es ab, seine Urananreicherung zu beenden, die Finanzierung von Hamas, Hisbollah und Huthi einzustellen und die Straße von Hormus vollständig zu öffnen. Der Sicherheitsexperte Carlo Masala sprach im Deutschlandfunk von einer strategischen Niederlage der Vereinigten Staaten. Iran erklärt sich zum Sieger – und hat in gewisser Hinsicht recht: Die Straße von Hormus, vor dem Krieg geltend als internationale Wasserstraße, ist nun faktisch unter iranischer Kontrolle.


Ukraine: Das stille Opfer

Für Kiew kommt dieser Krieg zu denkbar schlechtem Zeitpunkt. Die Ukraine konkurriert nun unmittelbar mit Israel und US-Streitkräften um knappe Luftabwehrraketen – Patriot PAC-3-Abfangraketen, AMRAAM-Raketen für Nasams. Systeme, die Kiew dringend braucht, um russische Angriffe auf Charkiw und Odessa abzuwehren. Der österreichische Militärexperte Markus Reisner brachte es auf den Punkt: Ein von den USA und Israel geführter Krieg, der Aufmerksamkeit und Ressourcen im Nahen Osten auf sich zieht, ist ein strategisches Geschenk für Russland und China.

Moskau profitiert mehrfach: Steigende Ölpreise füllen die Kriegskasse. Asiatische Länder kaufen russisches Öl als Ersatz für blockierte Golflieferungen. Russland soll iranischen Streitkräften Geheimdienstinformationen über US-Militäreinrichtungen zugespielt haben. Die Ukraine hat als Reaktion ihre Drohnenangriffe auf russische Energieinfrastruktur massiv verstärkt – mit bis zu 40 Prozent lahmgelegter russischer Ölexportkapazität, laut Reuters. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas formulierte die Verflechtung klar: Wenn Amerika will, dass der Krieg im Nahen Osten aufhört, sollte es auch Druck auf Russland ausüben.


Die Weltgemeinschaft: Gespalten, empört, hilflos

Russland und China kritisierten die Angriffe scharf. Brasilien verurteilte sie. Bundespräsident Steinmeier nannte den Krieg völkerrechtswidrig – und grenzte sich damit implizit von der Bundesregierung Merz ab. Papst Leo XIV. warnte vor Allmachtsfantasien; Trump bezeichnete ihn als schrecklich in der Außenpolitik. Großbritannien und Australien distanzierten sich von der US-Seeblockade. 40 Staaten beraten über eine europäische Mission zur Sicherung der Straße von Hormus.

Innerhalb der MAGA-Bewegung bröckelt die Unterstützung: Marjorie Taylor Greene hat sich gegen den Krieg gestellt. Tucker Carlson kritisiert ihn offen. Laut CNN-Umfrage unterstützen nur 39 Prozent der Amerikaner den Krieg. Die Frage, die in Washington zunehmend laut gestellt wird: Wem zuliebe ist Amerika eigentlich in diesen Krieg gezogen? Die griechische Kathimerini benennt es ohne Umschweife: Das Ausmaß, in dem Trump sich mit Netanjahu identifiziert hat, wird erhebliche politische Folgen haben – kurzfristig bei den Midterm-Wahlen im November, langfristig für die Doktrin der bedingungslosen US-Unterstützung für Israel.


Was es uns kostet: Energie, Inflation, Rezessionsgefahr

Binnen der ersten Kriegswoche stieg der Ölpreis um 34 Prozent – der höchste Wochenanstieg seit dem Ukrainekrieg, der 2022 bei 25 Prozent lag. Auf dem Höhepunkt notierte Brent knapp unter 120 Dollar. Auch nach der Waffenruhe liegt der Preis noch rund 20 Dollar über Vorkriegsniveau. Der LNG-Preis stieg in den ersten vier Kriegswochen um drei Viertel. Die IEA spricht von der größten Angebotsstörung in der Geschichte des globalen Ölmarkts.

In Deutschland stieg die Inflation im März auf 2,7 Prozent, nach 1,9 Prozent im Februar; Energiepreise allein um 7,2 Prozent. ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski warnt im negativen Szenario vor Preissteigerungen von sechs bis acht Prozent in der Spitze. Das Institut Dezernat Zukunft beziffert einen möglichen Inflationsschock auf bis zu zwei Prozentpunkte. Die WTO schätzt, der Krieg senke das globale BIP-Wachstum 2026 um 0,3 Prozentpunkte.

Die EU-Kommission will am 22. April ein Strategiepapier mit Entlastungsmaßnahmen verabschieden. Ursula von der Leyen hat unmissverständlich formuliert, was längst klar sein sollte: Europa zahle einen sehr hohen Preis für seine übermäßige Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen.


Das Ablenkungsmanöver: Epstein, Zölle, Umfragen

Die Frage ist berechtigt und wird seit Kriegsbeginn laut gestellt. Californiens Gouverneur Gavin Newsom hat sie öffentlich formuliert: Dient der Angriff auf den Iran dazu, die öffentliche Aufmerksamkeit von den Epstein-Akten wegzulenken? Sein Pressebüro veröffentlichte eine Grafik mit Google-Suchanfragen zu Jeffrey Epstein, die unmittelbar nach Kriegsbeginn einbrachen.

Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um festzustellen: Der Krieg begann in einem Moment, in dem Trump unter massivem Druck stand – wegen der Epstein-Akten, wegen chaotischer Zollpolitik, wegen abschwächender Wirtschaft und steigender Arbeitslosigkeit. Sein zentralstes Wahlversprechen – die Senkung der Lebenshaltungskosten – wurde durch den eigenen Krieg torpediert. Netanjahu wiederum profitiert vom Ausnahmezustand, solange er läuft: kein Wahltermin, kein Haftrichter.

Ob der Krieg primär ein Ablenkungsmanöver war, lässt sich nicht abschließend beweisen. Aber die Interessenlage ist eindeutig: Trump brauchte eine Schlagzeile. Netanjahu brauchte einen Krieg. Jared Kushner und Steve Witkoff, Trumps Nahost-Berater mit massiven wirtschaftlichen Verflechtungen in Saudi-Arabien und den Emiraten, hatten handfeste Gründe, den Iran als regionalen Akteur zu eliminieren. Alle drei Interessen deckten sich.


Was noch kommt – ein nüchterner Ausblick

Die zweiwöchige Waffenruhe läuft bis Ende April. Friedensgespräche in Islamabad sind gescheitert. Neue Gespräche in Washington stehen aus. Die Positionen liegen weit auseinander. Israel kämpft im Libanon weiter und gefährdet damit die gesamte Feuerpause.

Drei Szenarien:

Im besten Fall kommt ein dauerhaftes Abkommen zustande, die Straße von Hormus öffnet sich vollständig, die Energiepreise normalisieren sich bis Ende 2026. Der Inflationsschock bleibt überschaubar. Israel und der Iran treten in einen eingefrorenen Nicht-Frieden ein – bis zum nächsten Angriff, den der Mossad plant, sobald das Atomprogramm wieder Fahrt aufnimmt.

Im mittleren Szenario bleibt der Konflikt eingefroren: keine Eskalation, aber keine Lösung. Die Meerenge bleibt angespannt, Energiepreise erhöht, Inflation bis ins Frühjahr 2027. Für die Ukraine anhaltende Ressourcenkonkurrenz. Israel setzt seine Westjordanland-Politik im Schatten des Geschehens fort.

Im schlimmsten Szenario kommt es zu erneuter Eskalation: neue Luftschläge, iranische Gegenangriffe, direkte Konfrontation in der Straße von Hormus. Ölpreis über 120 Dollar, Inflation über sechs Prozent, Rezession in Deutschland und Europa. Und die Frage, ob China Washingtons Ablenkung nutzt, um gegenüber Taiwan zu handeln, wird sehr konkret.

Fiona Hill, frühere Russland-Beraterin im Weißen Haus, spricht es offen aus: Wir haben es möglicherweise bereits mit einem systemverändernden Krieg zu tun – einem Krieg, aus dem sich vollständig neue Staatenkonstellationen ergeben werden.


Muss man Trump seines Amtes entheben?

Die Frage ist legitim und wird in Washington selbst gestellt. Trump hat einen Krieg begonnen, für den es nach Einschätzung seiner eigenen Geheimdienste keinen hinreichenden Grund gab. Er hat ihn ohne klares politisches Ziel geführt, das Völkerrecht gebrochen, mit der Auslöschung einer Zivilisation gedroht, Europa in eine Energiekrise gestürzt, die Ukraine geschwächt, Russland gestärkt und das Vertrauen in die USA nachhaltig beschädigt.

Die verfassungsrechtlichen Mechanismen für ein Amtsenthebungsverfahren existieren. Solange die republikanische Mehrheit im Kongress hält, ist der Weg versperrt – Resolutionen zur Beendigung des Krieges wurden bereits abgelehnt. Aber auch für Netanjahu stellt sich die Frage, wann die israelische Gesellschaft die Rechnung präsentiert: für einen Krieg, dessen zentrale Ziele verfehlt wurden, der das Land finanziell an die Grenzen bringt, der Israel international isoliert und der vorrangig dazu gedient haben könnte, einen Regierungschef vor dem Haftrichter zu schützen.


Fazit

Dieser Krieg hat zwei Väter. Trump lieferte Bomber, Marschflugkörper und politischen Rückhalt. Netanjahu lieferte den Plan, die Geheimdienstarbeit, die Täuschungsoperation und den strategischen Antrieb, der diesen Krieg seit Jahren vorbereitet hatte. Beide profitierten innenpolitisch von der Eskalation – zumindest kurzfristig.

Was bleibt: ein geschwächter, aber keineswegs beseitigter Iran. Ein Nachfolger Chameneis, der ein Hardliner ist. Ein Atomprogramm, das in wenigen Monaten wieder anlaufen könnte. Eine Hisbollah, die sich im Libanon erholt. Eine Straße von Hormus, die fortan unter iranischer Kontrolle steht. Ein Europa, das die Energierechnung für einen Krieg zahlt, den es nicht wollte. Eine Ukraine, die um dieselben Waffen kämpft wie Israel. Und ein Russland, das in aller Stille doppelt verdient.

Wer angesichts dessen noch von einem Sieg sprechen will, dem sei die Frage gestellt: Für wen?