Der Rosenheimer Paukenschlag: Wie Abuzar Erdogan das schwarze Bayern rot färbte
22. März 2026. 19 Uhr. Im Rosenheimer Rathaus herrscht ungläubiges Staunen. Die Zahlen auf der Anzeigetafel erzählen eine Geschichte, die politische Beobachter so nicht erwartet hatten: Abuzar Erdogan, SPD, 53,4 Prozent. Andreas März, CSU, 46,6 Prozent. Zum zweiten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg musste Rosenheim überhaupt eine Stichwahl um das Oberbürgermeisteramt abhalten — und zum ersten Mal seit 65 Jahren verlor die CSU dabei.
Willkommen im neuen Rosenheim.
65 Jahre CSU — und dann das
Wer verstehen will, wie sensationell dieser Wahlabend war, muss sich die Ausgangslage vor Augen führen. Seit 65 Jahren stellte die CSU in der Stadt Rosenheim den Oberbürgermeister. Zuletzt war mit Josef Sebald bis 1960 ein SPD-Mann an der Spitze. Bayern gilt als das Kernland des deutschen Konservatismus, Rosenheim als seine tiefschwarze Herzregion. Eine Großstadt im Voralpenland, umgeben von CSU-Hochburgen, eingebettet in eine politische Kultur, in der die Sozialdemokratie seit Generationen eine Minderheitenrolle spielt.
Und dennoch: Abuzar Erdogan (SPD) hat sich mit 11.283 Stimmen (53,4 Prozent) gegen den Amtsinhaber Andreas März (CSU) mit 9.829 Stimmen (46,6 Prozent) durchgesetzt und ist somit ab dem 1. Mai 2026 der neue Oberbürgermeister von Rosenheim.
Ein Rosenheimer durch und durch
Wer ist dieser Mann, dessen Name unweigerlich Assoziationen weckt, die er selbst seit Jahren routiniert wegmoderiert? 1993 in Rosenheim geboren, trat er bereits 2013 für die SPD bei der Bundestagswahl an. Damals war Erdogan 19 Jahre jung, hatte sein Abitur gerade in der Tasche und stand ganz am Anfang seines Jura-Studiums an der Ludwig-Maximilian-Universität in München.
Erdogan ist seit 2009 Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD). Er trat im Alter von 15 Jahren in die Partei ein. Früh politisch aktiv wurde er zunächst in jugend- und integrationspolitischen Strukturen, unter anderem in der alevitischen Jugend sowie im Stadtjugendring Rosenheim.
Das ist kein Karrierist, der den bequemen Weg gewählt hat. Als Kind von Eltern, die zwar hart gearbeitet hätten, im Alter aber mit einer „sehr übersichtlichen Rente" auskommen müssten, weiß Erdogan, wovon er spricht. Als erstes Familienmitglied überhaupt konnte er studieren. Diese Biografie — Arbeiterkind, Migrationshintergrund, Jurist aus eigener Kraft — ist keine PR-Geschichte. Sie ist der Kern seiner politischen Glaubwürdigkeit.
Der lange Marsch durch die Institutionen
Erdogans Aufstieg folgt keinem Zufallsprinzip, sondern einer beeindruckend konsequenten Strategie: Ausdauer, Verwurzelung, Kompetenz.
Bei der Kommunalwahl 2014 wurde Erdogan in den Stadtrat der Stadt Rosenheim gewählt und war damit eines der jüngsten Mitglieder des Gremiums. Im Jahr 2020 übernahm er den Vorsitz der SPD-Stadtratsfraktion. 2023 wurde er zudem zum Vorsitzenden des SPD-Ortsvereins Rosenheim gewählt.
Parallel dazu kandidierte er zweimal für den Bundestag — aussichtslos in einem CSU-Wahlkreis, aber nicht sinnlos. Denn jede Kandidatur war ein Sichtbarkeitsgewinn, ein Netzwerkausbau, eine Lehrzeit in der politischen Kommunikation. Bekannt wurde er auch als Vorsitzender des Stadtjugendrings Rosenheim. Er hörte zu, er war präsent, er baute Vertrauen auf — jahrelang, im Stillen.
„Als junger Mensch mit Idealen ist so eine Ortsvereinssitzung ja erstmal abschreckend", erinnert sich Erdogan, der von sich sagt, relativ früh den Sinn hinter all den „Formalismen" der Parteipolitik erkannt zu haben. Diese Geduld sollte sich auszahlen.
Was Erdogan besser macht als andere
1. Er ist Rosenheimer — kein Kandidat aus dem SPD-Funktionärsapparat
Das klingt banal, ist es aber nicht. Der häufigste Fehler von Oppositionsparteien in CSU-Hochburgen: Sie schicken Kandidaten ins Rennen, die von außen kommen, die „sauber" wirken, aber keine Verwurzelung haben. Erdogan dagegen hat sein ganzes Leben in Rosenheim verbracht. Er kennt die Stadtteile, die Sorgen, die Netzwerke. Er ist kein Repräsentant der Berliner SPD — er ist einer von hier.
2. Er machte seine Herkunft nicht zum Thema — und entzog Gegnern damit eine Angriffsfläche
„Wir haben im Wahlkampfteam oft überlegt, macht man das zum Thema, oder nicht, geht man es offensiv an, oder nicht? Wir haben uns dann dafür entschieden, das Thema überhaupt nicht aufzugreifen. Ich bin Rosenheimer. Ich bin hier geboren. Ich bin hier aufgewachsen. Ich war hier im Kindergarten. Ich habe hier Abitur gemacht." Ein kluger Schachzug: Wer gar nicht erst zulässt, dass die Debatte auf Identitätspolitik abdriftet, zwingt die Wählerschaft, ihn als Politiker zu bewerten — nach Kompetenz, Programm, Persönlichkeit.
3. Er setzte auf konkrete Themen statt auf Parteiideologie
In seinem Wahlkampf setzte er auf Themen wie bezahlbaren Wohnraum, eine vorausschauende Wirtschaftspolitik und eine moderne Verwaltung. Er selbst formulierte sein Ziel, als „Macher" wahrgenommen werden zu wollen. Kein abstrakte Gerechtigkeitsrhetorik, sondern handfeste Kommunalpolitik. Das ist der Unterschied zwischen einem Politiker, der Wähler gewinnen will, und einem, der vor allem seiner Partei gefallen möchte.
4. Er verstand: Parteibindung allein entscheidet nicht mehr
„Ich würde es eher so bezeichnen, dass offensichtlich die Parteibindung bei der Bevölkerung nicht mehr das entscheidende Kriterium ist, ob sie jemandem ihre Stimme schenken oder nicht." Diesen Satz sollte sich die gesamte SPD auf die Fahne schreiben. Die Volksparteien verlieren ihre Stammwähler. Wer heute gewinnt, gewinnt als Person — als glaubwürdige, kompetente, greifbare Persönlichkeit, nicht als Repräsentant einer abstrakten Parteimarke.
5. Er mobilisierte seine eigene Mannschaft
„Man muss die Mannschaft motivieren, die eigene Truppe muss kämpfen wollen, und man muss den eigenen Leuten auch reinen Wein einschenken." Kein Schönreden, kein Parteifrieden um jeden Preis. Erdogan führte mit Klarheit — und das zog.
Was die SPD bundesweit lernen kann
Rosenheim ist kein Ausreißer. Es ist ein Modell.
Die Bundespartei laboriert an einem Grundproblem: Sie wirkt oft wie eine Interessenvertretung des politischen Betriebs, nicht wie eine Kraft, die das Leben der Menschen konkret verbessern will. Erdogan zeigt, wie es gehen kann:
Lokale Verwurzelung schlägt Parteikarriere. Kandidaten, die über Jahrzehnte vor Ort bekannt sind, haben ein Vertrauenskapital, das sich keine Kampagne kaufen kann.
Pragmatismus schlägt Ideologie. In der Kommunalpolitik wollen Menschen keine Weltanschauung wählen — sie wollen jemanden, der die Kita baut, die Mieten senkt und die Verwaltung modernisiert.
Geduld schlägt Ungeduld. Erdogan kandidierte zweimal erfolglos für den Bundestag, bevor er in Rosenheim seinen Moment bekam. Diese Ausdauer ist keine Schwäche — sie ist politische Reife.
Identität als Stärke, nicht als Thema. Ein Kandidat mit Migrationshintergrund muss sich weder übermäßig erklären noch permanent abgrenzen. Er muss einfach gut sein — und das zulassen.
Ein Symbol für ein anderes Bayern
„Natürlich ist es etwas Historisches. Aber klar, die letzten 65 Jahre hat in Rosenheim die CSU das Stadtoberhaupt gestellt. Die hatten ein schwarzes Parteibuch in ihrer Tasche, bei mir ist es ein rotes."
Abuzar Erdogan ist 32 Jahre alt. Er hat das Abitur in Rosenheim gemacht, in München Jura studiert, als erster seiner Familie einen Hochschulabschluss erworben, sich durch zwölf Jahre Kommunalpolitik gearbeitet — und ist nun Oberbürgermeister einer Stadt, in der seine Partei seit 65 Jahren nicht mehr regiert hat.
Das ist keine Geschichte über Migrationspolitik oder Diversität. Das ist eine Geschichte über Beharrlichkeit, Erdung und den Glauben daran, dass Politik tatsächlich etwas verändern kann — auch in Bayern, auch in Rosenheim, auch gegen alle Wahrscheinlichkeit.
Der Rest der SPD darf genau hinschauen.
Das Titelbild wurde einem Artikel zu Abuzar Erdogan im Rosenheimer Stadtkurier vom 8. März 2026 entnommen: https://spd-rosenheim.de/workspace/media/static/wahlausgabe-stadtkurier-2026-k-6967abb35f7a8.pdf
Abuzar Erdogan tritt sein Amt als Oberbürgermeister von Rosenheim am 1. Mai 2026 an.