Nils Petter Molvaer – Der Prophet des Jazz im elektronischen Zeitalter
Einleitung: Der norwegische Trompeter zwischen Jazz und Zukunft
Nils Petter Molvaer wurde am 18. September 1960 in Langevåg auf der norwegischen Insel Sula geboren – eine kleine, abgelegene Insel an der Westküste Norwegens, wo die Natur rau und majestätisch ist, und wo die Musik für viele Menschen die einzige Verbindung zur Welt darstellt. In diese Welt wurde ein Musiker hineingeboren, der sich eine künstlerische Karriere schaffen sollte, die weder vollständig dem Jazz zugehört noch der elektronischen Musik, sondern eine revolutionäre Synthese beider Welten darstellte – lange bevor dies mainstream wurde. Heute, mehr als 65 Jahre alt, gilt Molvaer als einer der einflussreichsten und bedeutendsten Pioniere des zeitgenössischen Jazz, als jemand, der den Jazz nicht konserviert, sondern ihn transformiert hat.wikipedia+1
Seine Geschichte ist keine Geschichte der frühen Virtuosität oder des märchenhaften Erfolgs – sie ist vielmehr die Geschichte eines Musikers, der unabhängig dachte, experimentell arbeitete und den Jazz neu definierte für ein Zeitalter, das Musik digital und vernetzt denkt.laut+1
Die frühen Jahre: Vom Jazzmusikersohn zum Unkonventionellen
Molvaer wurde in eine musikbegeisterte Familie geboren. Sein Vater, Jens Arne Molvaer, war selbst ein Jazzmusiker – was bedeutete, dass Nils Petter bereits im Kleinkindalter mit den modernen Standards des Jazz konfrontiert wurde. Statt Märchen vor dem Schlafengehen hörte der kleine Junge vermutlich die Sounds von Miles Davis, Billie Holiday und anderen Legenden.aboutjazz+1
Diese frühe Exposition war formativ, aber nicht im klassischen Sinne. Während seiner Schulzeit spielte Molvaer in verschiedenen Bands, allerdings nicht durchgehend Trompete. Er war Bassist, Schlagzeuger, Keyboarder – alles, was die Band brauchte. Dies war kein Zeichen mangelnder Spezialisierung, sondern vielmehr eine frühe Manifestation seiner lebenslangen Philosophie: Musik ist nicht das Instrument, Musik ist die Idee, und der Musiker ist das Medium, durch das die Idee erklingt.laut+1
1979, im Alter von 19 Jahren, verließ Molvaer die Insel Sula und zog nach Trondheim, um klassische Trompete zu studieren. Das Studium war konventionell – Fingersätze, Etüden, Atemtechnik – alles, was die akademische Welt forderte. Doch nach nur zwei Jahren brach er das Studium ab. Der Grund war nicht mangelnde Begabung, sondern eine künstlerische Intuition: Das akademische System konnte nicht das lehren, was er zu wissen glaubte – dass Musik lebend, elektrisch, radikal sein musste.aboutjazz+1
Nach dem Ausbruch aus dem Konservatorium zog Molvaer nach Oslo, Norwegens Jazzmetropole – eine Stadt, die Ende der 1970er Jahre und Anfang der 1980er Jahre eine vibrierende Jazz-Szene hatte. Dort spielte er sich durch verschiedene Formationen und traf die Schlüsselfiguren der skandinavischen Jazzwelt: den Bassisten Arild Andersen, den Saxophonisten Jan Garbarek, die Sängerin Sidsel Endresen und die Perkussionistin Marilyn Mazur.[laut]
In diesen frühen 1980er Jahren war Molvaer Teil zweier besonders wichtiger Ensembles. Das erste war Oslo 13, geleitet von dem Pianisten und Komponisten Jon Balke – eine Formation, die 1993 das Album Being veröffentlichte. Das zweite, noch bedeutendere Ensemble war Masqualero, ein legendäres Quintett bestehend aus Arild Andersen (Bass), Molvaer (Trompete), Jon Christensen (Schlagzeug) und Tore Brunborg (Tenor-Saxophon). Der Name Masqualero selbst war eine Hommage – es war eine Komposition von Wayne Shorter, die ursprünglich von Miles Davis aufgenommen worden war. Masqualero veröffentlichte mehrere Alben beim renommierten ECM-Label und gilt bis heute als Klassiker des europäischen Jazz.wikipedia+2
Diese Jahre waren für Molvaer immens wichtig. Er lernte nicht nur, wie man mit anderen Musikern in Echtzeit kommuniziert, sondern auch, wie man mit dem ECM-Label arbeitete – einem Unternehmen, das bereits als Garant für künstlerische Integrität bekannt war. Das Label, gegründet 1969 vom Bassisten und Produzenten Manfred Eicher, war bekannt für seinen Leitspruch „the most beautiful sound next to silence" – der schönste Klang neben der Stille. Dies war nicht bloße Marketing-Rhetorik, sondern eine künstlerische Philosophie: dass Musik durch Klarheit, Raum und Präzision funktioniert, nicht durch Lautstärke oder Komplexität.jazzecho+1
Der künstlerische Stil: Die Synthese von Jazz und Elektronik
Bevor wir zum Meilenstein von Molvaers Karriere, dem Album Khmer, kommen, müssen wir verstehen, was seinen Sound ausmacht – denn dies ist zentral zu verstehen, wer Molvaer ist und warum er revolutionär war.
Die Trompete: Ein ätherisches Instrument mit heiserer Seele
Molvaers Trompetenspiel ist charakteristisch und unmittelbar erkennbar. Sein Ton ist nicht der klassische, reine Trompetenklang, den man etwa bei Klassik-Musikern hört. Stattdessen ist sein Tonfall heiser, fiebrig, manchmal fast wie eine Menschenstimme – fragil und verletzlich. Ein Kritiker beschrieb es als „ätherisch" – mit anderen Worten: fern, entrückt, fast überirdisch.deutschegrammophon+1
Dies ist nicht Zufall, sondern Absicht. Molvaer's Einflüsse waren vielfältig: Miles Davis (der moderne Jazz-Trompeter schlechthin), Don Cherry (der Jazz-Fusionist), sowie unkonventionellere Einflussfiguren wie Jon Hassell (ein Experimentalist, der Elektronik mit Trompete verbindet), Brian Eno (der elektronische Orchestrator) und Bill Laswell (der Fusion-Produzent und Bassist). Diese Kombination von Einflüssen ist aussagekräftig: Molvaer sah die Trompete nicht als klassisches Jazz-Instrument, sondern als eine Art elektronische Klangquelle – etwas, das bearbeitet, gefiltert und in Soundscapes integriert werden konnte.wikipedia+2
Die Elektronik: Nicht Gegensatz, sondern Dialog
Während viele Jazz-Puristen die Elektronik als Anathema zum Jazz betrachten – als Kontamination durch kommerzielle Musikindustrie – sah Molvaer sie anders: Sie war ein Dialog. Ein Stück wie „Khmer" (das Titelstück seines Debütalbums) beginnt nicht mit einer digitalen Sequenz, die dann vom Jazz überlagert wird. Stattdessen entsteht es als ein Ganzes, in dem elektronische Rhythmen und Trompetenimprovisation gleichzeitig entstehen, als würde ein Musiker mit einem anderen tanzen, nicht auf der Bühne, sondern im Studio.deutschegrammophon+1
Diese Philosophie war radikal. Jazz war traditionell eine Live-Musik, in der die Interaktion zwischen Musikern das Wesen war. Elektronische Musik war hingegen konstruiert, synthetisiert, oft im Studio produziert. Molvaer weigerte sich, diese beiden zu trennen – er behandelte den Computer nicht als Feind des Jazz, sondern als neuen Bandpartner.wikipedia+1
Die Einflüsse: Eine globale Perspektive
Wichtig ist auch zu verstehen: Molvaer war nicht amerikanisch geprägt im klassischen Jazz-Sinne. Er war Norweger, geprägt von skandinavischer Naturpoesie, von elektronischer Musik (Norwegen brachte Bands wie Kraftwerk-Einflüsse hervor), und von einer globalen Perspektive. Seine Musik verbindet Jazz mit Drum'n'Bass, Hip Hop, Ambient, Trip Hop und Big Beat – alles Genres, die in den 1990er Jahren aufblühten. Das war nicht musikalische Verwirrung, sondern visuelle Kohärenz: Molvaer erkannte, dass der Jazz der 1990er Jahre sich mit diesen neuen Soundformen verbinden musste, um relevant zu bleiben.centralstation-darmstadt+1
Der Meilenstein: Khmer (1997)
Am 1. Oktober 1997 veröffentlichte das ECM-Label Nils Petter Molvaers Soloalbum-Debüt: Khmer. Dies war nicht einfach ein weiteres Jazz-Album. Es war ein kulturelles Ereignis – die Erkenntnis, dass der Jazz nicht tot war, sondern sich transformiert hatte, und dass ein norwegischer Trompeter der Prophet dieser Transformation war.
Das Album: Struktur und Substanz
Khmer war eine doppelseitige Scheibe mit elektronischen Ambient-Soundscapes, Jazz-Improvisationen, Drum'n'Bass-Rhythmen und klassischen Orchesterarrangements. Stellen Sie sich ein Album vor, auf dem:
- Das Stück „Khmer" (Titeltrack) mit pulsierenden elektronischen Rhythmen beginnt, langsam steigert, bis Molvaers Trompete eintritt – nicht triumphierend, sondern fragend, als würde sie sich in die Landschaft integrieren.
- Das Stück „Platonic Years" elektronische Loops mit klassischen Kompositionstechniken verbindet – ein echter Prog-Rock-Sound mit Jazz-Sensibilität.
- Das Album ständig zwischen energetischen Momenten und weiten, ruhigen Klangwelten oszilliert.nordge+2
Die Produktion war meisterhaft. Molvaer arbeitete mit verschiedenen Musikern und Produzenten zusammen, darunter Eivind Aarset (Gitarre), Morten Moister (Elektronik), Roger Ludvigsen (Schlagzeug) und andere. Doch die Vision war eindeutig Molvaers: Dies war sein Oeuvre, sein künstlerisches Statement.wikipedia+1
Die Resonanz: Ein Klassiker entsteht
Die Kritik war überraschend überwiegend positiv. Die amerikanische Zeitung L.A. Weekly kürte Khmer zum „Jazzalbum des Jahres 1998". Die deutschen Schallplattenkritiker vergaben einen ihrer hochgeachteten Preise. In Norwegen erhielt Molvaer einen Spellemannsprisen – das norwegische Äquivalent zum Grammy. Die Rolling Stone Magazin platzierte das Album 2013 auf Platz 92 ihrer Liste der 100 besten Jazz-Alben aller Zeiten.jazztimes+2
Doch die Bedeutung von Khmer lag nicht nur in den Preisen. Das Album setzte einen Trend. Ende der 1990er und Anfang der 2000er Jahre entstand eine ganze Bewegung von Musikern, die den Jazz mit elektronischen Elementen fusionieren wollten – das Genre, das später „Future Jazz" oder „Nu Jazz" genannt wurde. Molvaer war nicht allein mit dieser Vision, aber er war einer der Frühen und sicherlich einer der Besten.wikipedia+1
Wichtig ist: Khmer war ein kommerzieller Erfolg für ein Jazz-Album – es verkaufte sich weltweit solide, erreichte aber keine Pop-Höhen. Doch das war die Stärke des Albums: Es war künstlerisch unbeugsam, aber gleichzeitig zugänglich. Es war Jazz für Menschen, die normalerweise kein Jazz hören, und Jazz für echte Jazz-Enthusiasten – eine seltene Synthese.laut+1
Die Alben: Eine künstlerische Reise
Nach dem Durchbruch mit Khmer verfolgte Molvaer eine faszinierende künstlerische Reise mit einer Reihe von Alben, die jeweils eigene Perspektiven boten.
Solid Ether (2000)
Drei Jahre nach Khmer veröffentlichte Molvaer Solid Ether – ein Album, das auf dem Erfolg aufbaute, die Ideen von Khmer aber weiter entwickelte. Auf Solid Ether hörte man weniger die bewusste Spannung zwischen Elektronik und Jazz, sondern vielmehr eine vollständige Verschmelzung. Die Musik war durchgehend dynamisch, präsentierte ausladende Streifzüge durch akustische Gefilde zwischen Ambient-geprägtem Clubbing und frei fließender Improvisation. Das Album erhielt den Spellemannsprisen in der Kategorie Offene Klasse und wurde von der norwegischen und deutschen Kritik gleichermaßen gefeiert.nordge+2
Recoloured (2001) und Remakes (2005)
Interessanterweise experimentierte Molvaer auch mit Remix-Alben. Recoloured (2001) war eine Sammlung von Remixes von Khmer und Solid Ether-Stücken, bei denen verschiedene DJs und Produzenten – darunter Bill Laswell und Funkstörung – ihre eigenen Versionen von Molvaers Musik schufen. Remakes (2005) folgte einem ähnlichen Konzept. Diese Projekte zeigten Molvaers künstlerische Großzügigkeit: Er vertraute anderen, seine Musik zu transformieren und zu reinterpretieren, anstatt sie zu kontrollieren. Dies war selten in der Jazz-Welt, in der Künstler oft Puristen sind.jazzecho+1
ER (2005)
Mit ER kollaborierte Molvaer intensiv mit den Sängerinnen Sidsel Endresen und Elin Rosseland, sowie dem Gitarristen Eivind Aarset und dem Pianisten Magne Furuholmen (bekannt als Mitglied der Pop-Band a-ha). Dieses Album war intimistischer als die früheren Werke, mit Vokal-Elementen und einer Hingezogenheit zur menschlichen Stimme. Es zeigte, dass Molvaer nicht nur an Instrumentalmusik interessiert war, sondern auch an der menschlichen Stimme als musikalischem Werkzeug.jazzecho+1
Hamada (2009)
Hamada war ein konzeptionelles Album, inspiriert von der Wüste und der Natur. Mit minimalere Besetzung als frühere Werke arbeitete Molvaer mit Gitarrist Eivind Aarset und anderen an einer Musik, die die Stille nicht als Abwesenheit, sondern als Präsenz feierte. Das Album gewann Molvaer einen weiteren Spellemannsprisen in 2010 und zeigte eine Reifung seines künstlerischen Blicks – eine Reduktion auf das Wesentliche.wikipedia+2
Baboon Moon (2011)
Baboon Moon, Molvaers 2011 Album, markierte einen neuen künstlerischen Anfang. Mit einer völlig neuen Besetzung – bestehend aus Gitarrist Stian Westerhus (bekannt von der Band Motorpsycho), Schlagzeuger Erland Dahlen (von Madrugada) und zusätzlich Sängerin Susanne Sundför – präsentierte Molvaer seine Vision als „freien, schwarzen Prog-Rock". Das Album war düsterer, weniger ambient, mehr energetisch. Stücke wie „Mercury Heart" zeigten Molvaers Gitarre-Sensibilität: Er verwendete elektronische Effekte auf seiner Trompete – einen Harmonizer-Effekt, der aggressiven Ausdruck vermittelte – aber immer mit subtilter Hand, wie ein Gewürzkörnchen, das lange anhaltet.jazz-fun+2
Die Kritiker beschrieben Baboon Moon als „eine Reise in die Melancholie", wobei Molvaer der „Charon über den Strom der postjazzigen Finsternis" war. Das war eine poetische Weise zu sagen: Dies war Jazz für das 21. Jahrhundert – dunkel, komplex, unkonventionell, aber tief bedeutend.jpc+1
Spätere Werke und Kontinuität
Nach Baboon Moon setzte Molvaer seine künstlerische Reise fort. Stitches (2021) war ein Album, das trotz der COVID-19-Pandemie (wobei Aufnahmen vor Ort stattfanden, weitere Arbeit online erfolgte) entstanden ist – ein Beweis für Molvaers Widerstandskraft und künstlerischen Willen. Certainty of Tides (2023) war ein Konzeptalbum, das sich als eine ruhige Geschichte präsentierte, erzählt von sensiblen Künstlern im Halbdunkel.jazz-fun+1
Die jüngste Zusammenarbeit war The Harmony Codex (2023) mit dem britischen Musikproduzenten Steven Wilson, was zeigte, dass Molvaer auch im fortgeschrittenen Alter seiner Karriere noch bereit war, mit neuen Partnern zu experimentieren.[en.wikipedia]
Auszeichnungen und internationale Anerkennung
Molvaers künstlerische Bedeutung wurde durch zahlreiche Auszeichnungen anerkannt:
- 1996: Kongsberg Jazz Award
- 1997: Spellemannsprisen in der Kategorie Offene Klasse (für sein Debütalbum)
- 1998: Gammleng-Prisen in der Klasse Jazz
- 2000: Spellemannsprisen in der Kategorie Offene Klasse (für Solid Ether)
- 2003: Buddyprisen – eine internationale Auszeichnung für verdienstvollen künstlerischen Beitrag
- 2005: Spellemannsprisen in der Kategorie Offene Klasse (für ER)
- 2010: Edvard-Preis für Hamada
- 2016: Spellemannsprisen in der Kategorie Jazz (für Buoyancy)
- 2021: European Film Award for Best Soundtrack (für Great Freedom)nordicfilmmusicdays+1
Bemerkenswert ist, dass Molvaer drei Spellemannsprisen-Nominierungen erhielt – jeweils in der „Offene Klasse" statt nur der Jazz-Kategorie. Dies bedeutet, dass sein Werk von der norwegischen Musikindustrie als musikalisch bedeutend über Genre-Grenzen hinweg angesehen wird. Ein norwegisches Grammy, ein German Record Critics Prize, ein Buddy Award, ein European Film Award – dies ist das Portfolio eines Künstlers, der nicht nur einen Markt erreicht hat, sondern mehrere, über verschiedene kulturelle und musikalische Grenzen hinweg.nordicfilmmusicdays+1
Internationale Tourneen und Live-Präsenz
Trotz seiner soliden Alben-Katalog war Molvaer stets auch ein Live-Performer. Er tourte extensive und spielte auf den wichtigsten Jazzfestivals der Welt – von Montreux bis Berlin, von New York bis Tokio. Seine Live-Auftritte waren nicht einfach Wiedergaben von Studio-Aufnahmen; sie waren Neu-Kreationen, in denen die Improvisationsfähigkeit des Jazz-Musikers zum Vorschein kam, aber wohl strukturiert durch elektronische Loops und Effekte.[centralstation-darmstadt]
Besonders bemerkenswert waren seine Auftritte auf den nordischen Jazzfestivals – nicht nur in Norwegen, sondern auch in Schweden, Dänemark und Finnland – wo er als Apostel eines neuen Jazz-Sound erkannt wurde, der skandinavische Naturpoesie mit modernem elektronischen Sound verbindet.nordge+1
Kooperationen und künstlerische Netzwerke
Molvaers Karriere war auch geprägt durch verschiedene Kooperationen mit bedeutenden Künstlern. Ein Highlights war die Zusammenarbeit mit den jamaikanischen Reggae-Legenden Sly & Robbie (Nordub, 2018). Dies war eine überraschende Kombination – ein norwegischer Jazz-Trompeter mit zwei der einflussreichsten Reggae-Musiker – doch das Ergebnis war kohärent: eine Musik, die elektronische Rhythmen mit organischen Instrumenten verbindet.[en.wikipedia]
Ebenso wichtig waren seine Arbeiten mit dem Gitarristen Eivind Aarset, der auf vielen seiner Alben mitwirkte. Diese Partnerschaft war fundamental, denn Aarset war selbst ein elektronik-affiner Musiker, der Gitarre und Elektronik fusionierte – eine Art Pendant auf der Gitarre zu dem, was Molvaer auf der Trompete tat.jazzecho+1
Weitere Kooperationen umfassten Arbeiten mit dem Elektronik-Musiker Moritz von Oswald (1/1, 2013), mit der indischen Percussion-Legende Trilok Gurtu, und zahlreiche Film-Score-Arbeiten für europäische Kino- und Theaterproduktionen. Dies zeigte, dass Molvaer nicht nur als Jazz-Musiker arbeitete, sondern als Künstler in einem breiteren Feld.nordicfilmmusicdays+1
Das künstlerische Vermächtnis: Molvaer und der „Future Jazz"
Die größte Auswirkung von Molvaers Werk war die Schaffung eines neuen Genre-Verständnisses. Der Begriff „Future Jazz" oder „Nu Jazz" – Begriffe, die manchmal kritisiert werden, aber doch eine Realität beschreiben – wurde durch Musiker wie Molvaer möglich. Er zeigte, dass Jazz nicht konserviert sein musste, nicht ausschließlich akustisch, nicht gebunden an die Regeln des Bebop oder des Post-Bop.
Molvaers Ansatz war radikal konservativ (in dem Sinne, dass er das Wesen des Jazz – die Improvisation, das Zuhören, die menschliche Interaktion – bewahrte) und gleichzeitig revolutionär modern (indem er diese Essenz in neue technologische und ästhetische Kontexte brachte). Dies ist selten in der Musikgeschichte.nordicfilmmusicdays+2
Seine größten künstlerischen Gegner waren Jazz-Puristen, die Elektronik als Bedrohung des „echten Jazz" sahen. Doch mit der Zeit wurde klar: Molvaer hatte nicht den Jazz zerstört, sondern ihn gerettet – für ein Zeitalter, in dem Menschen sich Musik via Streaming anhören, in Clubs tanzen, elektronische Musik konsumieren und dennoch nach echter, menschlicher musikalischer Kommunikation hungern. Molvaer bot dies an – die Synthese.laut+1
Das Geheimnis des Molvaer-Sounds: Warum er funktioniert
Es ist wichtig zu verstehen, warum Molvaers Musik funktioniert – warum sie nicht einfach eine willkürliche Vermischung von Jazz und Elektronik ist, sondern etwas Kohärentes, Tiefes.
Erstens: Die Trompete bleibt zentral. Obwohl Elektronik eine große Rolle spielt, ist es die menschliche Trompete, die die emotionale Führung behält. Die Elektronik ist Kontext, nicht Substanz. Dies unterscheidet Molvaer von vielen anderen elektronischen Musikern, bei denen die Elektronik alles ist.jazz-fun+1
Zweitens: Die Stille ist respektiert. Beeinflusst durch das ECM-Label-Philosophie, nutzt Molvaer Stille nicht als Fehler oder Lücke, sondern als Gestaltungselement. Seine Musik atmet. Sie hat Raum.deutschegrammophon+1
Drittens: Die Struktur ist klassisch, der Inhalt modern. Viele Molvaer-Stücke beginnen mit einer Einleitung, entwickeln ein Thema, variieren es, und kehren zu einem Höhepunkt zurück – eine klassische musikalische Form. Aber diesen Rahmen füllt er mit Drum'n'Bass-Rhythmen, elektronischen Filtern und Jazz-Improvisationen. Dies ist Jazz-Komposition im 21. Jahrhundert.nordge+2
Würdigung und Selbstverständnis
Interessanterweise betrachtet sich Molvaer selbst nicht als Jazz-Musiker – eine Aussage, die Puristen schockiert, aber tatsächlich sinnvoll ist. Was Molvaer damit sagt, ist: Er weigert sich, sich einer Genre-Kategorie zu unterwerfen. Für ihn gibt es, wie er es formulierte, „diese Grenzen zwischen Klassik, Pop und Jazz nicht, wenn die Musik gut sei."[aboutjazz]
Dies ist eine aufschlussreiche Aussage. Sie zeigt, dass Molvaer sich selbst versteht als Künstler erster Klasse – jemand, dessen Kunstwerk nach künstlerischen Prinzipien beurteilt wird, nicht nach Genre-Konventionen. Ein wahrer Künstler.aboutjazz+1
Die gegenwärtige Situation: Weiterhin innovativ im 21. Jahrhundert
Heute, 2026, befindet sich Nils Petter Molvaer im dritten Jahrzehnt seiner professionellen Karriere. Mit über 65 Jahren könnte er sich auf seine Lorbeeren ausruhen – doch das tut er nicht. Er komponiert weiterhin neue Musik, tritt auf den weltweit bedeutendsten Bühnen auf, experimentiert mit neuen künstlerischen Partnern. Sein jüngstes Album Liminal Animals (2024), eine Zusammenarbeit mit der norwegischen Band Ulver, zeigt, dass er auch mit 64 Jahren noch bereit ist, neue Grenzsteine zu setzen.[en.wikipedia]
Seine Einfluss auf junge Musiker ist tiefgreifend. Eine ganze Generation von Jazzmusikern – insbesondere aus Skandinavien – sieht in Molvaer das Modell eines Künstlers, der seine Wurzeln respektiert (den Jazz), gleichzeitig aber völlig unabhängig ist und nicht vor Experiment zurückschreckt.wikipedia+1
Fazit: Das bleibende Erbe
Nils Petter Molvaer verdient die Anerkennung, die er genießt. Er ist nicht der berühmteste Jazzmusiker – das Publikum von Miles Davis oder John Coltrane ist größer. Er ist auch nicht der elektronische Pionier wie Kraftwerk oder Aphex Twin. Aber das ist genau sein Genie: Er ist der Künstler, der beide Welten so elegant verbunden hat, dass die Trennung nicht mehr möglich ist. Er hat den Jazz genommen – ein altes, traditionsreiches Genre – und es in ein Genre des 21. Jahrhunderts transformiert, ohne es dabei zu zerstören.
Seine Musik wird nicht mit dem gleichen schnellen Verfall beschrieben wie viele elektronische Musik-Trends des 21. Jahrhunderts – weil sie nicht Mode ist, sondern Statement. Sie wird nicht als kommerzieller Jazz-Pop gesehen – weil sie zu unkonventionell, zu künstlerisch ist. Sie ist in einem Zwischenreich – zwischen Klassik und Moderne, zwischen Jazz und Elektronik, zwischen Tradition und Innovation.
Das ist Molvaers bleibendes Vermächtnis: Er hat sich selbst einen Ort geschaffen, den vorher niemand hatte und zerstört auf diesem Weg nicht die Landschaft, sondern erweitert sie.jazzecho+3