160 Jahre SPD: Zwischen Glanz, Verrat und letzter Chance

160 Jahre SPD: Zwischen Glanz, Verrat und letzter Chance

Es gibt Parteien, die die Geschichte machen. Und es gibt Parteien, die von der Geschichte gemacht werden. Die SPD hat in 160 Jahren beides erlebt – manchmal gleichzeitig, manchmal in einem Abstand von wenigen Jahren. Sie hat Kaiserreiche überlebt, Kriege überdauert, Verboten getrotzt und Diktaturen überlebt. Was ihr offenbar schwerer fällt: sich selbst zu überleben.


I. Der Anfang: Leipzig, 1863

Am 23. Mai 1863 gründete Ferdinand Lassalle im Leipziger Pantheon den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) – und legte damit den Grundstein für das, was einmal die älteste noch existierende Partei Deutschlands werden sollte. Lassalle, Jurist, Redner, Selbstdarsteller, verstand das Politische als Kampf um Anerkennung: Die Arbeiter sollten keine Objekte der Geschichte mehr sein, sondern deren Subjekte.

Die Gründungsidee war simpel und revolutionär zugleich: Wer arbeitet, hat Anspruch auf politische Teilhabe. Allgemeines Wahlrecht, Selbstverwaltung, staatliche Produktionsgenossenschaften – das waren die Forderungen. Nichts davon klang damals selbstverständlich. Im Deutschen Kaiserreich Bismarckscher Prägung war das politisch gefährliches Terrain.

1869 gründeten August Bebel und Wilhelm Liebknecht in Eisenach die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) als Gegenpol zum lassalleanischen ADAV, stärker marxistisch geprägt, internationalistischer ausgerichtet. 1875 vereinigten sich beide Strömungen in Gotha zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands. 1890, nach dem Auslaufen von Bismarcks Sozialistengesetz, benannte sie sich um in Sozialdemokratische Partei Deutschlands – der Name, der bis heute gilt.

Bismarck hatte die Partei 1878 mit einem Gesetz verboten, das ihr Treiben als „gemeingefährlich" einstufte. Das Ergebnis: Die SPD wurde stärker, weil sie unter Druck zusammenwuchs. Bei den Reichstagswahlen von 1890 wurde sie stärkste Partei. Ein Muster, das sich durch die Geschichte ziehen sollte: Die SPD wächst an Widerstand, schrumpft an Macht.


II. Kaiserreich und Weimarer Republik: Das Dilemma zwischen Rhetorik und Regierung

Die kaiserliche SPD war ein Paradox. Programmatisch marxistisch, organisatorisch eine Massenpartei mit Millionen von Mitgliedern, Gewerkschaften, Zeitungen, Genossenschaften, Kulturvereinen – ein Staat im Staat. Faktisch aber betrieb sie Reformpolitik innerhalb des Systems, das sie laut Programm überwinden wollte.

August Bebel verkörperte diese Spannung am deutlichsten: brillanter Redner, konsequenter Sozialist, aber auch pragmatischer Parlamentarier. Er wusste, dass die Partei keine Revolution machen konnte und keine machen wollte. Der Revisionismusstreit um Eduard Bernstein – der offen erklärte, das marxistische Endziel sei Nebensache, der Weg sei das Ziel – erschütterte die Partei, ohne sie zu spalten.

Dann der August 1914. Die SPD-Fraktion stimmt den Kriegskrediten zu. Es war der erste große Verrat der Sozialdemokratie an sich selbst – oder, je nach Perspektive, der erste Moment realpolitischer Reife. Die Partei spaltete sich: Die Mehrheits-SPD (MSPD) trug den Krieg mit, die Unabhängige SPD (USPD) opponierte.

Die Weimarer Republik wurde von der SPD mitgegründet – Friedrich Ebert wurde ihr erster Reichspräsident, Philipp Scheidemann rief die Republik aus. Doch das Dilemma blieb: Die SPD regierte in einer Demokratie, die sie verteidigen musste, obwohl sie keine vollständige Revolution gemacht hatte. Und sie ließ 1919 die Niederschlagung des Spartakusaufstandes durch reaktionäre Freikorps geschehen. Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wurden ermordet. Der linke Flügel der Arbeiterbewegung vergab ihr das nie.

In der Weimarer Republik stellte die SPD mit Hermann Müller den letzten Kanzler vor der Machtübernahme Hitlers (1928–1930). Als der Reichstag 1933 über das Ermächtigungsgesetz abstimmte, stimmte die SPD als einzige Partei dagegen. Fraktionsvorsitzender Otto Wels hielt eine der mutigsten Reden der deutschen Parlamentsgeschichte: Man könne uns die Freiheit nehmen, aber nicht die Ehre. Kurz darauf wurde die Partei verboten, viele ihrer Mitglieder wurden verhaftet, ermordet, ins Exil getrieben.


III. Die Bundesrepublik: Vom Außenseiter zur Volkspartei

Nach 1945 reorganisierte Kurt Schumacher die SPD im Westen. Er war kein gemütlicher Mann. Krank, verbittert nach Jahren im KZ, unversöhnlich gegenüber allem, was nach Kompromiss roch. Er lehnte Adenauers Westbindung ab, wollte ein neutrales, einiges Deutschland – und verlor damit eine Wahl nach der anderen.

Die SPD stand in den 1950er Jahren als Oppositionspartei in der Sonne – aber einer kalten. Das Wirtschaftswunder geschah ohne sie, die Außenpolitik Adenauers hatte Erfolge, die man nicht wegdiskutieren konnte. Die Partei drohte, strukturell zur Opposition verurteilt zu sein.

Der Ausweg: Bad Godesberg, 1959. Ein außerordentlicher Parteitag verabschiedete mit 324 zu 16 Stimmen ein neues Grundsatzprogramm. Die SPD trennte sich vom Marxismus, bekannte sich zur Sozialen Marktwirtschaft, zur Landesverteidigung, zur NATO, zu den Kirchen. Aus der Klassenpartei wurde programmatisch eine Volkspartei. Der Satz „Wettbewerb, soweit möglich – Planung, soweit nötig" fasste die neue Linie zusammen. Es war eine rationale, historisch überfällige Entscheidung, die die Partei koalitionsfähig machte.

Und es brachte einen Mann nach vorne, der für eine neue Zeit stand: Willy Brandt.


IV. Die großen Persönlichkeiten

Keine Geschichte der SPD ohne ihre Figuren. Eine Auswahl der Prägenden:

August Bebel (1840–1913): Der Zimmermann, der die Arbeiterbewegung intellektuell adelte. Brillanter Debattierer, moralische Instanz. Sagte dem Kaiserreich ins Gesicht: „Ihr seid unsere Feinde."

Friedrich Ebert (1871–1925): Erster Reichspräsident der Weimarer Republik. Ein Pragmatiker, der unter enormem Druck die Demokratie zu stabilisieren versuchte und dafür von links wie rechts angegriffen wurde. Starb mit 54 Jahren – an den Folgen eines Prozesses, in dem er wegen angeblichen Landesverrats verurteilt worden war, weil er einen Streik mitorganisiert hatte.

Willy Brandt (1913–1992): Der Kanzler, der kniete. 1970 in Warschau, vor dem Mahnmal des Ghetto-Aufstands. Es war nicht inszeniert – oder wenn doch, dann war die Inszenierung der ehrlichste politische Moment der deutschen Nachkriegsgeschichte. Seine Ostpolitik – „Wandel durch Annäherung" – war visionär und umstritten. Er öffnete den Dialog mit dem Ostblock in einer Zeit, als das Kompromittierung bedeutete. Er gewann 1972 mit 45,8 Prozent die höchste Stimmenzahl, die die SPD je bei einer Bundestagswahl erzielte. 1974 trat er nach der Guillaume-Affäre zurück, blieb aber Parteivorsitzender bis 1987 – und moralische Instanz bis zu seinem Tod.

Helmut Schmidt (1918–2015): Der Macher. Kanzler von 1974 bis 1982, hanseatisch-kühle Autorität, rauchend, unerschrocken, bisweilen arrogant. Er meisterte die Ölkrise, den deutschen Herbst 1977 (RAF, Schleyer-Entführung, Mogadischu), die NATO-Nachrüstungsdebatte. Er war überzeugter Atlantiker und Europäer und hatte für die sentimentalen Wunschvorstellungen seiner eigenen Partei wenig übrig. Das Verhältnis zur SPD war nie einfach. Am Ende verlor er 1982 das Misstrauensvotum – durch den Koalitionsbruch der FDP, die zu Kohl wechselte. Eine Demütigung, die er mit Würde trug.

Gerhard Schröder (geb. 1944): Das schwierigste Kapitel. Er führte die SPD 1998 mit 40,9 Prozent zurück an die Macht – nach 16 Jahren Kohl. Ein Medienkanzler, ein Machtpolitiker, ein Mann, der Dinge durchsetzte, die seiner eigenen Partei nicht gefielen. Die Agenda 2010 war mutig und sozial schmerzhaft zugleich: Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe (Hartz IV), Niedriglohnsektor, Rentenalter hoch. Deutschland wurde konkurrenzfähiger. Teile der SPD-Wählerschaft fühlten sich verraten. Die Abspaltung des linken Flügels folgte – erst zur WASG, dann zur Linkspartei. Nach seiner Kanzlerschaft übernahm Schröder lukrative Posten bei russischen Staatskonzernen. Sein Name ist seitdem in der SPD ein Reizwort. Parteiausschlussverfahren wurden angestrengt, scheiterten juristisch, hinterließen aber einen Geschmack. Eine Partei, die ihren erfolgreichsten Kanzler der letzten Jahrzehnte zum Aussätzigen macht, erklärt damit auch etwas über sich selbst.

Olaf Scholz (geb. 1958): Der Kanzler, der es 2021 schaffte, weil Armin Laschet es nicht schaffte. Regierte von 2021 bis 2025 eine Ampelkoalition, die über weite Strecken aus öffentlichen Streitereien bestand. Der Bruch mit der FDP im Herbst 2024, die Neuwahl im Februar 2025, das historisch schlechteste Ergebnis: 16,4 Prozent. Scholz selbst verstand es nie, eine Geschichte zu erzählen, die Menschen mitreißt. Er war Verwalter, kein Visionär. Das Amt überforderte nicht seine Kompetenz, sondern seine Fähigkeit zur politischen Kommunikation.


V. Politische Inhalte und Leitlinien über die Jahrzehnte

Die SPD hat sich programmatisch mehrfach neu erfunden. Ihre Grundwerte – Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität – sind seit dem Godesberger Programm von 1959 konstant. Was sich änderte, war die Interpretation.

Sozialpolitik: Der Ausbau des Wohlfahrtsstaates war das Herzstück sozialdemokratischer Regierungspolitik. Rentenreform, Krankenversicherung, Bildungsexpansion – vieles, was heute als selbstverständlich gilt, geht auf SPD-Regierungen zurück.

Außenpolitik: Brandts Ostpolitik war ein historischer Akzent, der Deutschland dauerhaft veränderte. Die Entspannung mit dem Ostblock, die Ostverträge, die KSZE – eine generationslange Wirkung. Schröder profilierte sich 2003 als „Friedenskanzler" durch die Ablehnung des Irakkriegs, was international riskant, innenpolitisch aber populär war.

Wirtschaftspolitik: Von der keynesianischen Steuerungspolitik unter Schmidt bis zur Agenda-Politik unter Schröder reichte die Bandbreite. Das Hamburger Programm von 2007 versuchte die Quadratur des Kreises: soziale Sicherheit und wirtschaftliche Modernisierung. Es überzeugte niemanden vollständig.

Umweltpolitik: Unter Rot-Grün wurde der Atomausstieg beschlossen – und später von Schwarz-Gelb revidiert, von Rot-Grün wieder eingeführt. Die SPD war in Umweltfragen nie so profiliert wie die Grünen, aber auch nie so blind wie manche in der Union.

Gleichstellungspolitik: Die Einführung des Mindestlohns 2015 (als GroKo-Projekt), die Gleichstellungsgesetzgebung, die Ehe für alle 2017 – Maßnahmen mit SPD-Handschrift.


VI. Die Kanzlerschaften im Überblick

Kanzler Amtszeit Besonderes
Willy Brandt 1969–1974 Ostpolitik, Kniefall, Friedensnobelpreis
Helmut Schmidt 1974–1982 Ölkrise, RAF, NATO-Nachrüstung
Gerhard Schröder 1998–2005 Agenda 2010, Ablehnung Irakkrieg
Olaf Scholz 2021–2025 Ampelkoalition, Zeitenwende, Wahldebakel

Vier Kanzler in über 56 Jahren Bundesrepublik. Zum Vergleich: Die Union stellt in dieser Zeit die Bundeskanzler für rund 52 Jahre. Der Rückstand ist kleiner als oft behauptet – aber er wächst.


VII. Der Niedergang: Zahlen, die nicht lügen

Es ist kein Absturz, es ist ein langer Rutsch. Und der macht es fast noch schmerzhafter, weil man sich jedes Jahr sagen konnte: Es könnte ja aufhören.

  • 1998: 40,9 Prozent
  • 2002: 38,5 Prozent
  • 2005: 34,2 Prozent
  • 2009: 23,0 Prozent
  • 2013: 25,7 Prozent
  • 2017: 20,5 Prozent
  • 2021: 25,7 Prozent (kurzes Aufflackern)
  • 2025: 16,4 Prozent – das schlechteste Ergebnis seit Gründung der Bundesrepublik

Auf Landesebene ist das Bild noch düsterer. In Baden-Württemberg holte die SPD 2026 gerade noch 5,5 Prozent. In Thüringen 6,1 Prozent, in Sachsen 7,3 Prozent. In Rheinland-Pfalz, jahrzehntelang sozialdemokratische Stammlandschaft, verlor sie 2026 nach 35 Jahren die Regierungsverantwortung.

In nicht einmal drei Jahrzehnten hat die Partei mehr als die Hälfte ihrer Wählerschaft verloren.


VIII. Warum? Die Gründe des Niedergangs

Die Frage ist nicht, ob die SPD schrumpft. Die Frage ist, warum sie es tut – und ob es reversibel ist.

1. Die Agenda 2010 als offene Wunde
Schröders Arbeitsmarktreformen haben Deutschland wirtschaftlich saniert, aber die SPD politisch beschädigt. Hartz IV wurde zum Symbol für eine Partei, die ihre eigene Klientel verrät. Die Arbeiterschaft, die Langzeitarbeitslosen, die Gewerkschaften – sie wanderten ab, zur Linkspartei, zur AfD, zur Nichtwahlentscheidung. Die SPD hat dieses Erbe nie wirklich verarbeitet, sondern mal verteidigt, mal geleugnet, mal ignoriert.

2. Die Auflösung des sozialdemokratischen Milieus
Das alte Arbeitermilieu, das der SPD generationenlang Treue gehalten hatte – Industriearbeiter, Gewerkschaftsmitglieder, sozial aufgestiegene Facharbeiter – existiert in dieser Form nicht mehr. Deindustrialisierung, Digitalisierung, Prekarisierung haben die Klassenstruktur verändert. Die neue Prekarität ist mit einem iPhone ausgestattet und wählt AfD.

3. Linksdrift bei falscher Zielgruppe
Die SPD hat sich, wie eine Analyse treffend formuliert, in Richtung „Links-Grün" verschoben und wurde von Milieus dominiert, die man in Österreich „Bobos" nennt – bourgeoise Bohemiens, urbane Akademiker mit gutem Gewissen und Eigenheim. Diese Gruppe ist nicht groß genug, um eine Volkspartei zu tragen. Und sie findet bei den Grünen eine direktere Heimat.

4. Die GroKo-Falle
Wer dreimal als Juniorpartner der CDU regiert, lernt das Regieren, verliert aber das Profil. Die SPD hat in den Großen Koalitionen 2005–2009, 2013–2021 und jetzt wieder ab 2025 Politikerfolge erzielt – Mindestlohn, Rentenreformen, Mutterschutz – aber kaum Wähler gewonnen. Der kleinere Koalitionspartner verliert immer.

5. Personelle Selbstverstümmelung
Die Kanzlerkandidaturen der letzten Jahre waren teilweise ein Trauerspiel. Martin Schulz 2017 – ein kurzer Hype, dann ein Absturz. Andrea Nahles als Parteivorsitzende – der Fall so öffentlich und brutal, dass er der gesamten Partei schadete. Olaf Scholz 2025 – zunächst als Kandidat aufgestellt, dann von der eigenen Fraktion demontiert, schließlich durch Boris Pistorius ersetzt worden, der dann doch nicht kandidierte. Die Rochade wurde zur Metapher einer Partei, die nicht mehr weiß, wen sie nach vorne schicken soll.

6. Die Schröder-Amnesie
Eine Partei, die ihren letzten wirklich erfolgreichen Kanzler aus dem kollektiven Gedächtnis streicht, beraubt sich ihrer eigenen Erzählung. Schröder hat sich durch sein Russland-Engagement moralisch diskreditiert – das ist wahr und muss gesagt werden. Aber das jubelnde Entsorgen seiner politischen Leistungen verrät mehr über die aktuelle Parteikrise als über Schröder selbst.


IX. Wo steht die SPD im politischen Gefüge?

Deutschland 2026 hat ein zerklüftetes Parteiensystem. CDU/CSU regiert als stärkste Kraft mit der SPD als Juniorpartner. Die Grünen erholen sich. Die AfD ist zur zweiten Kraft geworden. Das BSW von Sahra Wagenknecht hat die Linkspartei weitgehend aufgesaugt. Die FDP ist aus dem Bundestag geflogen.

Die SPD sitzt in dieser Landschaft in einer unangenehmen Mitte: zu sozial für die Wirtschaftsliberalen, zu wirtschaftsnah für die neuen Linken, zu blass für jeden, der klare Kante erwartet. Sie ist eine Partei der pragmatischen Mitte geworden – aber in einer Zeit, in der pragmatische Mitte kein Wahlversprechen mehr ist.

Lars Klingbeil als Parteivorsitzender und gleichzeitig Vizekanzler und Finanzminister – diese Doppelrolle ist riskant. Als Regierungsmitglied muss er Kompromisse mit der CDU verantworten. Als Parteichef soll er Profil zeigen. Dass er bei seiner letzten Wiederwahl als Vorsitzender nur 64,9 Prozent der Delegiertenstimmen erhielt – das schlechteste Ergebnis bei einer SPD-Vorsitzendenwahl ohne Gegenkandidaten – sagt alles über die interne Stimmung.

Seine „Agenda Klingbeil" – Einkommensteuerreform, mehr Vollzeitarbeit, Abschaffung des Ehegattensplittings für neue Ehen, Strukturreformen – klingt nach dem richtigen Ansatz. Ob die Partei ihm dabei folgt und ob es die richtigen Wähler zurückbringt, ist offen.


X. Was die SPD noch kann – und was sie nicht vergessen darf

Hier muss man ehrlich sein, auch wenn es unbequem ist: Die SPD ist nicht überflüssig. Die Fragen, für die sie ursprünglich gegründet wurde, sind nicht verschwunden. Sie haben sich verändert.

Arbeit und Würde: Die Prekarisierung der Arbeitswelt ist real. Niedriglohnsektor, Leiharbeit, Plattformökonomie ohne Absicherung – das sind sozialdemokratische Themen. Der Mindestlohn war ein SPD-Projekt. Die Ausweitung sozialer Sicherung für Solo-Selbstständige, Gig-Arbeiter, Pflegekräfte – das ist unerledigte Agenda.

Bildungsgerechtigkeit: Deutschland bleibt ein Land, in dem Herkunft über Bildungsweg entscheidet. Das ist ein Skandal. Die SPD hat das immer gewusst, aber selten konsequent genug gehandelt.

Investitionen statt Austerität: Klingbeils Kritik an der Schuldenbremse als „Wohlstandsrisiko" ist sachlich begründet. Marode Infrastruktur, unterfinanzierte Schulen, verzögerte Energiewende – das sind Probleme, die fiskalische Zurückhaltung nicht löst. Eine Partei, die das laut sagt und dafür einsteht, hat eine Funktion.

Europäische Solidarität: In einer Welt, in der die USA unter Trump unberechenbar geworden sind und Russland expandiert, braucht Europa eine stärkere gemeinsame Handlungsfähigkeit. Die SPD ist historisch pro-europäisch – das ist ein Kapital, das sie nutzen könnte.

Demokratieverteidigung: Die SPD hat als einzige Partei gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt. Dieses Erbe ist nicht nichts. In einer Zeit, in der populistische Bewegungen die Demokratie unter Druck setzen, ist eine Partei mit diesem Gedächtnis relevant.


XI. Prognose: Zwischen Konsolidierung und Marginalisierung

Zwei Szenarien sind realistisch.

Szenario 1: Der sozialdemokratische Neustart. Die SPD findet in der Opposition – oder in einer aktiven Regierungsrolle mit erkennbarem Profil – zu einem klareren Kurs. Sie setzt auf Investitionspolitik, Bildungsgerechtigkeit, Arbeitnehmerrechte in der digitalisierten Wirtschaft. Sie gewinnt wieder Gewerkschaftsnähe zurück, ohne die urbanen Akademiker vollständig zu verlieren. Ergebnisse um die 20 Prozent wären möglich.

Szenario 2: Der langsame Verfall zur Regionalpartei. Die SPD bleibt gefangen zwischen Koalitionspflichten und innerparteilichen Blockaden. Sie verliert weiter Mitglieder, die Parteistrukturen verkümmern in der Fläche. In den ostdeutschen Ländern wird sie strukturell zur Neben-Partei. Im Westen hält sie sich in Stadtstaaten. Bundesweit dümpelt sie um 15 Prozent – mit dem Risiko weiterer Abstiege.

Welches Szenario eintritt, hängt nicht allein von der SPD ab. Es hängt auch davon ab, ob die gesellschaftlichen Fragen, für die sie Antworten hat, wieder auf die politische Agenda kommen. In wirtschaftlichen Krisenzeiten, in Zeiten wachsender Ungleichheit, können sozialdemokratische Ideen an Attraktivität gewinnen. Die SPD muss dann aber bereit sein, sie zu vertreten – nicht wegzuducken.


Fazit: Eine Partei, die noch nicht fertig ist

Die SPD ist kein Auslaufmodell. Sie ist eine Partei mit einem strukturellen Problem: Sie weiß, wofür sie war. Sie weiß noch nicht klar genug, wofür sie ist.

160 Jahre Parteigeschichte sind kein Selbstläufer in die Zukunft. Aber sie sind auch keine Last, sondern eine Ressource. Eine Partei, die die Soziale Marktwirtschaft mitgeprägt hat, die Ostpolitik erfunden hat, den Mindestlohn durchgesetzt hat und als einzige gegen das Ermächtigungsgesetz stimmte – diese Partei hat noch etwas zu sagen.

Die Frage ist, ob sie den Mut hat, es zu sagen. Nicht mit dem erhobenen Zeigefinger der Moral, nicht mit dem Grummeln der Nostalgie, sondern mit der Klarheit dessen, der weiß, was auf dem Spiel steht.

Wer die SPD bei der nächsten Wahl wählen möchte, sollte das nicht aus Nostalgie tun. Sondern weil er möchte, dass es in Deutschland eine Partei gibt, die Arbeit ernst nimmt, Bildungsgerechtigkeit einfordert, Europa stärkt und weiß, was Demokratie bedeutet – weil sie schon erlebt hat, was passiert, wenn sie verschwindet.

Das ist kein kleines Angebot. Es wäre schön, wenn die SPD es endlich wieder überzeugend macht.


Quellen und weiterführende Lektüre: Bundeszentrale für politische Bildung (bpb.de), Konrad-Adenauer-Stiftung, Wikipedia: Geschichte der deutschen Sozialdemokratie, Berliner Zeitung, Handelsblatt, Sonntagsblatt.