Unter der Toskana schlummert ein Supervulkan

Unter der Toskana schlummert ein Supervulkan
Grafische Darstellung der Magmakammer unter der Toskana Creative Commons Lizenz: CC-bync-nd 4.0© Jaxybulatov, K. et al.

Ein internationales Forscherteam hat unter einer der schönsten Urlaubslandschaften Europas ein gewaltiges Magmareservoir entdeckt — größenordnungsmäßig vergleichbar mit Yellowstone. Entwarnung gibt es trotzdem.


Die Entdeckung

Wer an die Toskana denkt, denkt an Weinberge, Zypressenalleen und mittelalterliche Städte. Was sich tief unter dieser Idylle verbirgt, war bis vor Kurzem unbekannt: ein riesiges Magmareservoir mit mehr als 6.000 Kubikkilometern glutflüssiger Gesteinsschmelze — so viel wie beim Yellowstone-Supervulkan.

Die Ergebnisse erschienen im Fachjournal Communications Earth & Environment. Größentechnisch reiht sich das toskanische Reservoir damit in die Liga der bekanntesten Supervulkane ein: Yellowstone in den USA, Long Valley in Kalifornien und Taupo in Neuseeland. Für die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kam der Fund überraschend. „Wir wussten, dass dieses Gebiet geothermisch aktiv ist, aber wir waren uns nicht bewusst, dass es ein so großes Magmavolumen enthält", erklärt Matteo Lupi, Professor am Institut für Geowissenschaften der Universität Genf, der die Forschung leitete.


Methode: Dem Rauschen lauschen

Um dem Magmareservoir auf die Spur zu kommen, nutzte die Forschergruppe eine Methode namens Ambient-Noise-Tomografie. Dabei werden nicht Erdbebenwellen ausgewertet, sondern die ständig vorhandenen natürlichen Bodenvibrationen der Erde — verursacht durch Ozeanwellen, Wind oder menschliche Aktivitäten.

Lupi und sein Team installierten im Jahr 2020 ein Netzwerk von 60 Breitband-Seismometern in der Region und werteten die Laufzeiten dieses „seismischen Rauschens" aus, um die Erdkruste unter der Toskana zu kartieren. Das Ergebnis war eindeutig: In acht bis fünfzehn Kilometern Tiefe gibt es eine Zone, die seismische Wellen stark verlangsamt — um rund 40 Prozent gegenüber dem Normalwert. Das ist ein klassisches Indiz für partiell aufgeschmolzenes Gestein.


Aufbau des Reservoirs

Das entdeckte System ist kein homogener Lavasee, sondern ein gestaffeltes Gebilde. Das Kerngebiet unter Larderello weist einen Anteil flüssiger Schmelze von mehr als 80 Prozent auf; am äußeren, stärker auskristallisierten Rand sinkt dieser Anteil auf rund 20 Prozent.

Bei diesem System handelt es sich nicht um ein klassisches Magmareservoir, das überwiegend aus Schmelze besteht, sondern um ein verteiltes System aus kristallinem Gestein mit eingelagerten Schmelzen — ein sogenanntes Magma-Mush-System, wie es zuletzt auch unter dem Laacher-See-Vulkan in der Eifel entdeckt wurde. Dieses erstreckt sich in etwa 8 bis 15 Kilometer Tiefe und bildet eine Art thermischen Motor unter der gesamten Region.

Zum Vergleich: Das Gesamtvolumen beträgt mehr als das Hundertfache des Bodensees — oder knapp ein Drittel der Ostsee.


Das große Rätsel: Warum kein Ausbruch?

Supervulkane verraten sich normalerweise durch markante Oberflächenformen — Calderen, Gasaustritte, Bodendeformationen, vulkanische Ablagerungen. In der Toskana fehlen solche Hinweise weitgehend. „Die Erkennung solcher Vulkane ohne oberirdische Anzeichen ist schwierig, wodurch große Magmareservoirs oft unentdeckt bleiben", schreiben die Forscher.

Dass das toskanische Reservoir trotz seiner enormen Größe offenbar nie eruptiert hat, ist das eigentliche wissenschaftliche Rätsel. Die Forschenden vermuten, dass die toskanische Gesteinsschmelze sehr zähflüssig und vergleichsweise kühl ist. „Solche Magmen können sich in der oberen Kruste ansammeln und eine viskose Barriere bilden, die den weiteren Aufstieg von Schmelzen verhindert", erklären sie. Das würde erklären, warum es in der Toskana zwar Geothermie und heiße Flüssigkeiten im Untergrund gibt, aber weder eine Caldera noch Spuren einer vergangenen Supervulkan-Eruption.


Ähnlichkeiten und Unterschiede zu anderen Systemen

Neben dem enormen Volumen nennen die Geologen zwei weitere auffällige Parallelen: Der im Untergrund der Toskana gemessene Wärmefluss sei vergleichbar mit dem des Yellowstone-Vulkans; zudem gebe es hinsichtlich seismischer Aktivität, Gasaustritte und Flüssigkeitsströme Ähnlichkeiten mit den Campi Flegrei bei Neapel.

Gegenüber den Phlegräischen Feldern fällt das toskanische System jedoch durch ein wesentlich größeres Volumen auf. Unter den Campi Flegrei geht man von einem etwa 1.000 Kubikkilometer großen Reservoir aus — das System der Toskana übertrifft dieses bei weitem, ist allerdings deutlich weniger dynamisch.


Gefahr? Keine — vorerst

Die schlechte Nachricht für Katastrophen-Enthusiasten: Nach Einschätzung der Forschenden sorgt die spezielle geologische Struktur des toskanischen Magmareservoirs dafür, dass auch in naher Zukunft kein Ausbruch zu befürchten ist.


Praktischer Nutzen: Rohstoffe und Energie

Die Entdeckung hat neben dem wissenschaftlichen auch einen handfesten wirtschaftlichen Mehrwert. „Diese Ergebnisse sind sowohl für die Grundlagenforschung als auch für praktische Anwendungen wichtig, wie zum Beispiel die Lokalisierung von geothermischen Lagerstätten oder Vorkommen, die reich an Lithium und Seltenen Erden sind", schließt Lupi. Die Toskana ist bereits heute eine der bedeutendsten Geothermiregionen Europas — nun weiß man, warum.


Quelle: Lupi, M. et al. (2026). „High-enthalpy Larderello geothermal system, Italy, powered by thousands of cubic kilometres of mid-crustal magma." Communications Earth & Environment (Nature Portfolio). DOI: 10.1038/s43247-026-03334-0