»Nihil est in intellectu, quod non prius fuerit in sensu«

»Nihil est in intellectu, quod non prius fuerit in sensu«

Einleitung: Der Ursprung eines philosophischen Leitgedankens

Der lateinische Grundsatz »Nihil est in intellectu, quod non prius fuerit in sensu« — »Nichts ist im Verstand, was nicht zuvor in den Sinnen gewesen ist« — gehört zu den einflussreichsten erkenntnistheoretischen Maximen der Philosophiegeschichte. Dieser Satz bezeichnet die Kernthese des Empirismus und verkörpert eine fundamentale Frage der Erkenntnistheorie: Woher stammt unser Wissen, und auf welche Weise gelangen Inhalte in unseren Verstand?

Die populäre Zuschreibung des Satzes an John Locke ist teilweise fehlgeleitet. Tatsächlich reicht die philosophische Genealogie dieses Gedankens bis in die Scholastik des 13. Jahrhunderts zurück, wo Thomas von Aquin ihn in seiner »Quaestiones Disputatae de Veritate« (Fragen über die Wahrheit) formuliert. Die aristotelische Grundlage ist noch älter, doch erst mit Locke wurden die Implikationen dieses Satzes systematisch ausgearbeitet und zum Fundament einer eigenständigen philosophischen Schule entwickelt.[christianlehmann]​

Diese Abhandlung untersucht den kontextuellen Reichtum dieses Spruches, indem sie seinen mittelalterlichen scholastischen Ursprung, seine Transformation durch die Aufklärung, die rationalistischen Gegenargumente und schließlich die kantische Synthese nachzeichnet.


I. Der scholastische Kontext: Thomas von Aquin und die aristotelische Renaissance

Die mittelalterliche Erkenntnislehre

Die mittelalterliche Philosophie war geprägt durch eine intensive Auseinandersetzung mit der aristotelischen Philosophie, die durch arabische und lateinische Übersetzungen ins Abendland gelangt war. Thomas von Aquin (1225–1274) stand an der Spitze dieser »aristotelischen Renaissance« und suchte die griechische Naturphilosophie mit der christlichen Theologie zu versöhnen.

In seiner Erkenntnistheorie entwickelte Thomas eine differenzierte Theorie der Erkenntnisvermögen, die den Grundsatz »Nihil est in intellectu...« in einen spezifischen philosophischen Rahmen einbettete. Dieser Rahmen erkannte an, dass der menschliche Verstand nicht mit angeborenen Ideen ausgestattet ist, sondern vielmehr seine Inhalte aus der Sinneserfahrung gewonnen werden muss. Dies war eine bewusste Position gegen die platonische Tradition der Anamnesis (Erinnerung an vorgeburtliches Wissen), die im lateinischen Westen durch Boethius' »Consolatio philosophiae« präsent war.[ivypanda]​

Die Struktur der Abstraktion

Thomas differenzierte zwischen zwei aktiven Verstandeskräften: dem intellectus agens (dem tätigen oder aktiven Verstand) und dem intellectus possibilis (dem möglichen oder passiven Verstand). Diese Unterscheidung war nicht originell — sie stammte aus Aristoteles und wurde durch die arabischen Kommentatoren Avicenna und Averroes vermittelt —, doch Thomas gab ihr eine charakteristische scholastische Form.[oreateai]​

Der erkenntnistheoretische Prozess verlief nach Thomas in Schritten: Zunächst erfassten die äußeren Sinne die sinnlichen Formen eines Gegenstands (species sensibilis). Diese wurden von den inneren Sinnen — dem Gemeinsinn (sensus communis), der Phantasie (imaginatio), der Geschätzungskraft (vis cogitativa) und dem Gedächtnis — bearbeitet und miteinander verbunden. Der tätige Verstand abstrahierte dann aus diesen sinnlichen Vorstellungen (phantasmata) das intelligible Wesen des Gegenstands, die species intelligibilis — das rein Geistige, das Thomas »Washeit« oder Quidditas nannte.getabstract+1

Der Grundsatz »Nihil est in intellectu...« beschrieb in diesem System nicht eine pauschale Abhängigkeit des Verstandes von den Sinnen, sondern eher eine methodische Abhängigkeit: Der Verstand erhielt sein Rohmaterial von den Sinnen, transformierte dieses Material jedoch durch einen aktiven Akt der Abstraktion. Der Verstand war nicht passiv abhängig, sondern aktiv beteiligt.

Wahrheit als Korrespondenz

Thomas verband seinen Grundsatz mit seiner berühmten Korrespondenztheorie der Wahrheit: »Veritas est adaequatio rei et intellectus« — »Wahrheit ist die Übereinstimmung zwischen Ding und Verstand«. Dies bedeutete, dass die Wahrheit nicht im Verstand allein besteht (wie der Rationalismus suggerieren könnte), sondern in einer Entsprechung zwischen dem äußeren Gegenstand und der inneren Erkenntnis. Diese Übereinstimmung war nur möglich, wenn der Verstand seine Inhalte letztendlich von den Dingen erhielt, also von der Sinneserfahrung aus.[individual.utoronto]​

Thomas' Position war somit eine gemäßigte Form des Empirismus: Sie betonte die zentrale Rolle der Sinneserfahrung, anerkannte aber die notwendige aktive Rolle des Verstandes bei der Umformung dieser Erfahrung in intellektuelle Erkenntnis. Dies war ein Versuch, zwischen der platonischen Betonung der reinen Vernunft und einer naiven Sinnesgläubigkeit einen Mittelweg zu finden.


II. Die frühe Neuzeit: Von Albert dem Großen zum Nominalismus

Vor Locke durchlief der Grundsatz »Nihil est in intellectu...« mehrere Transformationen. Der Dominikanerorden — unter Führung von Albertus Magnus (Albert dem Großen) und Thomas von Aquin — etablierte diese Position als dominante scholastische Lehre. Albert zog sich dabei Einflüsse von Avicenna an, betonte aber stärker als sein Nachfolger die inneren Sinne und ihre Rolle bei der Bildung von komplexen Vorstellungen aus den Rohdaten der äußeren Sinne.[aphorismen]​

Eine wichtige Entwicklung war die aufkommende nominalistisch-voluntaristische Kritik durch William of Ockham und seine Nachfolger. Diese Denker stellten die scholastischen Schemata infrage und betonten mehr die Intuitivkraft der einzelnen Wahrnehmung und die Vagheit unseres Wissens über allgemeine Begriffe. Doch auch sie behielten den Grundsatz bei, dass alle intellektuellen Inhalte letztendlich auf Sinneserfahrungen zurückgehen, wenn auch mit weniger Vertrauen in den abstrahierenden Verstand.


III. Die kartesianisch-rationalistische Herausforderung

Mit René Descartes (1596–1650) entstand eine fundamentale Gegenbewegung zum Empirismus. Descartes' »Cogito, ergo sum« verkörperte ein neues Vertrauen in die reine Vernunft als erkenntnissicherer Ausgangspunkt. Vor allem aber behauptete Descartes, dass der menschliche Geist mit angeborenen Ideen ausgestattet sei — insbesondere mit der Idee Gottes — die nicht aus der Sinneserfahrung stammen konnten.

Diese rationalistisch-kartesianische Kritik machte die empiristische These explizit zu einem strittigen Punkt. Es reichte nicht mehr, sie als scholastisches Dogma weiterzutragen; sie musste neu begründet und verteidigt werden. Dies war der philosophiehistorische Kontext, in dem John Locke seinen »Essay Concerning Human Understanding« (1689) verfasste.


IV. John Locke und die Gründung des modernen Empirismus

»Tabula Rasa«: Die Entleerung des angeborenen Wissens

John Locke (1632–1704) machte »Nihil est in intellectu, quod non prius fuerit in sensu« zum zentralen Axiom seines erkenntnistheoretischen Systems. Seine polemische Zielrichtung war unmittelbar: Er wollte die Theorie der »angeborenen Ideen« widerlegen, die sowohl Rationalisten wie Descartes als auch der konservative scholastische Establishment vertraten.

Lockes zentrale These lautete, dass der menschliche Geist bei der Geburt wie eine »tabula rasa« — eine leere Tafel — ist. Jeglicher inhaltliche Gehalt unseres Verstandes wird durch Erfahrung geschrieben. Diese radikale These unterschied sich von Thomas von Aquins gemäßigterem Empirismus: Locke bestritt nicht nur, dass wir angeborene Inhalte hätten, sondern auch, dass der Verstand mit angeborenen Strukturen oder Prinzipien ausgestattet wäre.[facebook]​

Sensation und Reflexion

Locke unterschied zwei Quellen aller Ideen: Sensation und Reflection. Sensation bezieht sich auf die Einwirkung äußerer Gegenstände auf unsere Sinne — die Farbe eines Gegenstandes, der Geschmack einer Speise, das Gefühl von Hitze oder Kälte. Reflection bezieht sich auf die innere Beobachtung der Operationen unseres eigenen Verstandes — das Denken selbst, die Emotionen, die wir beobachten, während wir denken.[thecollector]​

Diese beiden Quellen führen zunächst zu einfachen Ideen — unteilbare Wahrnehmungsinhalte wie die rote Farbe oder der scharfe Geschmack. Der aktive Verstand kombiniert, trennt und vergleicht diese einfachen Ideen, um komplexe Ideen zu bilden: die Vorstellung eines roten Apfels, die Vorstellung der Schönheit, die Vorstellung von Gott. Selbst die abstraktesten und komplexesten Gedanken sind somit letztendlich Kombinationen von einfachen Ideen, die aus Sensation oder Reflection stammen.

Das aufklärerische Pathos

Für Locke hatte die Zurückweisung angeborener Ideen ein politisches und moralisches Pathos: Die Behauptung angeborener Ideen diente oft dazu, kritische Hinterfragung zu verhindern. Wenn man sagte, die Monarchie oder die Ungleichheit seien »angeboren« oder »naturgegeben«, dann konnte man jede Frage als Verrat an der Natur darstellen. Locke hingegen argumentierte, dass alle menschlichen Ideen — inklusive moralischer und politischer Konzepte — aus Erfahrung stammen und daher überprüfbar sind. Dies verband die empiristische Erkenntnistheorie mit aufklärerischem Denken: der Forderung, den eigenen Verstand zu gebrauchen und nicht auf Autorität zu vertrauen.

Dies erklärt, warum der empiristische Grundsatz »Nihil est in intellectu...« bei Locke eine solch explosive Kraft entfaltete. Er war nicht nur eine erkenntnistheoretische These, sondern eine Kampfansage an den Autoritarismus.


V. Die Weiterentwicklung durch Hume und Berkeley

David Hume: Impressionen und Ideen

David Hume (1711–1776) radikalisierte und präzisierte Lockes empiristische Theorie. Er führte die berühmte Unterscheidung zwischen Impressions (Eindrücken) und Ideas (Ideen) ein. Impressionen sind unsere unmittelbarsten, lebendigsten Wahrnehmungen — alles, was wir fühlen, wenn wir sehen, hören, riechen, schmecken oder berühren, sowie alle Gefühle und Leidenschaften. Ideen sind die schwächeren, fadderen Vorstellungen dieser Impressionen — die Erinnerungen an das Gesehene oder die Imagination von Szenen, die wir nicht gesehen haben.[de.wikipedia]​

Humes zentrales Prinzip lautete: Jede einfache Idee ist eine Kopie einer entsprechenden Impression. Dies war eine präzisere Formulierung von Lockes Maxime. Hume nutzte dieses Prinzip, um metaphysische Spekulationen als bedeutungslos zu enttarnen: Wenn wir keine entsprechende Impression haben, dann ist die fragliche Idee leer und verwirrt.[plato.stanford]​

Allerdings führte Humes radikaler Empirismus zu philosophischen Problemen: Er konnte nicht erklären, wie wir zu Konzepten wie »Substanz«, »Kausalität« oder »Ich« gelangen, wenn diese keine direkten Impressionen haben. Dies führte zu Humes skeptischer Conclusio, dass Kausalität nur eine gewöhnte Assoziation zwischen Impressionen ist, nicht eine objektive Kraft in der Natur.

George Berkeley: Idealismus und Wahrnehmung

George Berkeley (1685–1753) verfolgte einen anderen Weg: Er akzeptierte die empiristische Prämisse, dass alles Wissen aus Wahrnehmung kommt, zog aber eine radikalere Konsequenz. Sein berühmter Satz »Esse est percipi« — »Zu sein ist, wahrgenommen zu werden« — bedeutete, dass materielle Gegenstände nicht unabhängig von unserer Wahrnehmung existieren. Berkeleys Idealismus war eine Art Hyperempirismus: Wenn alles, was wir kennen, unsere Wahrnehmungen sind, dann gibt es keinen Grund anzunehmen, dass etwas jenseits dieser Wahrnehmungen existiert.[plato.stanford]​

Berkeleys Position zeigte die Gefahren des Empirismus auf: Die strikte Einhaltung der Maxime »Nihil est in intellectu, quod non...« konnte zu idealistischen oder skeptischen Konsequenzen führen.


VI. Leibniz' rationale Gegenkritik

Die Ergänzung des Satzes

Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) entwickelte die klassische philosophische Gegenposition zum Empirismus. Er kritisierte Lockes »Essay« in seinem postum veröffentlichten Werk »New Essays on Human Understanding« (1765), das als Punkt-für-Punkt-Widerlegung konzipiert war.

Leibniz' berühmte Gegenkritik ergänzte den empiristischen Grundsatz um einen entscheidenden Zusatz:

»Nihil est in intellectu, quod non fuerit in sensu, nisi ipse intellectus.«

Das Lateinische »nisi ipse intellectus« bedeutet »außer der Verstand selbst«. Mit dieser minimalem Ergänzung verschob sich das gesamte philosophische Gleichgewicht: Der Verstand ist nicht nur eine leere Tafel, auf die die Sinne schreiben; der Verstand selbst, mit seinen Strukturen und Prinzipien, ist eine Realität, die nicht aus den Sinnen stammt.[zeno]​

Der nativistische Gegenkurs

Leibniz argumentierte, dass bestimmte fundamentale Konzepte — Sein, Substanz, Eins, Gleichheit, Ursache, Wahrnehmung, Vernunft — nicht aus der Sinneserfahrung stammen können, weil sie die Bedingungen der Sinneserfahrung selbst sind. Um eine rote Farbe wahrzunehmen, muss ich bereits die Konzepte »Qualität«, »Wahrnehmung« und »Unterschied« haben. Diese können nicht selbst aus Wahrnehmung stammen.[philarchive]​

Leibniz entwickelte dies zu seiner Theorie der Monaden und der »prästabilierten Harmonie«: Die Seele ist nicht passiv receptiv gegenüber äußeren Einflüssen, sondern aktiv spontan. Alle Gedanken der Seele sind im tiefsten Sinne »angeboren« — sie entfalten sich aus der inneren Natur der Seele, der Monade, die Gott so »programmiert« hat, dass sie harmonisc mit der äußeren Welt korrespondiert. Die Sinneserfahrung ist nicht die Quelle unseres Wissens, sondern eine Gelegenheit für die Seele, ihre angeborenen Ideen zu aktualisieren und zu entwickeln.


VII. Kants kritische Synthese

Das Problem der Kritik der reinen Vernunft

Immanuel Kant (1724–1804) nannte Humes Skepsis den »Dogmatischen Schlummer«, der ihn aufweckte. Kant erkannte, dass beide Seiten — Empirismus und Rationalismus — unvollständig waren. Der Empirismus konnte nicht erklären, wie wir zu notwendigen und universellen Wahrheiten gelangen (wie etwa: »Jedes Ereignis hat eine Ursache«). Der Rationalismus konnte nicht erklären, warum diese Wahrheiten sich überhaupt auf die Erfahrungswelt beziehen.

Kants Lösung war revolutionär: Er schlug vor, dass weder die reinen Sinne noch die reine Vernunft allein Erkenntnis liefern, sondern dass Erkenntnis immer das Produkt einer Synthese von Sinnlichkeit und Verstand ist.

Zwei Stämme der Erkenntnis

Kant schrieb in seiner Kritik der reinen Vernunft: »Es sind zwei Stämme der menschlichen Erkenntnis, die vielleicht aus einer gemeinschaftlichen, aber uns unbekannten Wurzel entspringen, nämlich Sinnlichkeit und Verstand.« Diese berühmte Passage etablierte, dass Erkenntnis nicht aus einer einzigen Quelle stammt.[britannica]​

Die Sinnlichkeit liefert uns Anschauungen — konkrete, unmittelbare Darstellungen einzelner Gegenstände. Diese Anschauungen sind von Natur aus räumlich und zeitlich strukturiert. Kant argumentierte, dass Raum und Zeit nicht Eigenschaften der Dinge an sich sind, sondern apriorische Formen der Anschauung — die unvermeidlichen strukturellen Bedingungen, unter denen wir überhaupt etwas anschauen können.[de.wikipedia]​

Der Verstand liefert uns Begriffe — allgemeine, normative Regeln, die auf Anschauungen angewendet werden. Diese Begriffe sind ebenfalls nicht aus der Erfahrung ableitbar, sondern apriorisch: Sie sind die kategorialen Strukturen (wie Kausalität, Substanz, Quantität), unter denen wir die Anschauungen zu Urteilen verbinden.

Synthetische a priori Erkenntnisse

Kants radikale Innovation war die Idee der synthetischen a priori Erkenntnisse. Der analytische/synthetische Unterschied trennt Urteile danach, ob das Prädikat in dem Subjekt »enthalten« ist (analytisch) oder nicht (synthetisch). Der a priori/posteriori Unterschied trennt Urteile danach, ob sie unabhängig von Erfahrung gewusst werden können (a priori) oder nicht (a posteriori).

Locke und die Empiristen waren implizit davon ausgegangen, dass alle a priori Erkenntnisse analytisch seien. Kant hingegen argumentierte, dass es synthetische a priori Erkenntnisse gibt — Urteile wie »7 + 5 = 12«, die nicht analytisch sind (man kann 12 nicht aus »7 + 5« ableiten, indem man die Begriffe analysiert), aber dennoch a priori gelten, weil sie aus den apriorischen Formen der Anschauung (Raum und Zeit) und den apriorischen Kategorien des Verstandes folgen.[uni-muenster]​

Dies erlaubte es Kant, sowohl die mathematische als auch die wissenschaftliche Erkenntnis zu retten — gegen Humes skeptische Ablehnung notwendiger Wahrheiten — ohne zum Rationalismus zurückkehren zu müssen.

Die berühmte Synthese

Kant formulierte seine Position in einer of zitierten Passage: »Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.« Das Empiristische Maxim »Nihil est in intellectu, quod non prius fuerit in sensu« wird damit wahr, aber mit einer entscheidenden Qualifikation: Es ist wahr für den Inhalt unserer Erkenntnis — alles, was wir über die Welt wissen, beruht letztendlich auf Sinneserfahrung. Aber es ist nicht wahr für die Strukturen der Erkenntnis — die Formen von Raum und Zeit und die Kategorien des Verstandes stammen nicht aus der Erfahrung, sondern sind die unvermeidbaren Bedingungen, unter denen Erfahrung überhaupt möglich ist.[mncbmonline.co]​


VIII. Die moderne Debatte: Nativismus und Empirismus

Die Erneurung der Frage in der Kognitionswissenschaft

Das 20. und 21. Jahrhundert haben die alte Frage zwischen Empirismus und Nativismus — »Natur oder Pflege?« — erneut gestellt, allerdings in neuem Gewand. Die kognitive Psychologie und Neurowissenschaft haben Evidenz dafür geliefert, dass Menschen mit angeborenen kognitiven Strukturen geboren werden, die nicht aus Erfahrung stammen.

Noam Chomskys Linguistik hat gezeigt, dass Kinder eine universale Grammatik zu besitzen scheinen, die nicht aus der Hörerfahrung stammen kann, weil die Sprachmuster, denen Kinder ausgesetzt sind, viel zu fragmentarisch und ambig sind, um die Grammatiken zu erklären, die Kinder erwerben. Dies war eine moderne Version des rationalistischen »Poverty of the Stimulus«-Arguments.[de.wikipedia]​

Ähnlich haben Entwicklungspsychologen wie Elizabeth Spelke gezeigt, dass sehr junge Säuglinge bereits physikalisches Verständnis haben — sie erwarten, dass Objekte persistieren und nicht einfach verschwinden, dass sie nicht durch andere Objekte hindurchgehen können — lange bevor sie diese Dinge sensorisch erfahren können.[d-nb]​

Die intuitive Empirismus-Bias

Paradoxerweise zeigen neuere psychologische Studien, dass Menschen selbst eine starke intuitive empiristische Neigung haben. Eine große Studie von Wang und Feigenson fand, dass sogar professionelle Neurowissenschaftler dazu neigen, grundlegende menschliche Fähigkeiten als erworben statt angeboren zu interpretieren, selbst wenn die wissenschaftliche Evidenz das Gegenteil nahelegt.[phil871.colinmclear]​

Dies deutet darauf hin, dass der empiristische Grundsatz »Nihil est in intellectu...« nicht nur eine philosophische Theorie ist, sondern ein tiefes menschliches Phänomen — eine Art intuitive Theorie, die möglicherweise selbst angeboren ist, paradoxerweise.


Fazit: Die anhaltende Ambivalenz

Der lateinische Grundsatz »Nihil est in intellectu, quod non prius fuerit in sensu« ist keine einfache empiristische Maxime, sondern ein Schlüsseltext, an dem sich die großen erkenntnistheoretischen Positionen der Philosophiegeschichte kristallisieren: die scholastische Abstraktion, die rationalistische Kritik, der aufklärerische Empirismus, der kantische Kritizismus und die moderne kognitive Philosophie.

In seiner ursprünglichen thomasischen Form war der Grundsatz ein differenziertes Konzept: Die Sinne liefern den Inhalt, der Verstand strukturiert diesen Inhalt. Bei Locke wurde er radikalisiert zu einer Behauptung der tabula rasa. Bei Leibniz wurde er kritisiert und eingeschränkt. Bei Kant wurde er integriert in ein System, das sowohl die Notwendigkeit der Sinneserfahrung als auch die Apriorität der Strukturen anerkannte.

Die moderne Debatte zeigt, dass die Frage nicht so einfach zu beantworten ist wie der Spruch suggeriert. Einerseits ist es wahr, dass alle konkreten Inhalte unseres Wissens aus Erfahrung stammen. Andererseits haben neuere Forschungen gezeigt, dass der Verstand nicht mit einer leeren Tafel gleichzusetzen ist, sondern mit komplexen angeborenen Strukturen ausgestattet ist. Die wahre philosophische Aufgabe ist nicht, sich zwischen Empirismus und Nativismus zu entscheiden, sondern zu verstehen, wie diese zusammenwirken.

Der Grundsatz bleibt daher nicht als ein dogmatisches Lehrgesetz relevant, sondern als eine Problematisierung: Wie entsteht Erkenntnis? Welche Rolle spielen die Sinne, welche Rolle der Verstand, welche Rolle die angeborenen Strukturen? Diese Fragen sind nicht geklärt, sondern nur in neuem Gewand reformuliert worden.


Anmerkungen

Thomas von Aquin, Quaestiones Disputatae de Veritate, II, 3. Zitiert in.[christianlehmann]​

Die mittelalterliche Rezeption Platons erfolgte hauptsächlich durch Boethius' Consolatio philosophiae, die eine platonische Erinnerungslehre vertritt. Vgl..ivypanda+1

Zu intellectus agens und intellectus possibilis bei Thomas:,.oreateai+2

Zur Theorie der inneren Sinne bei Albert dem Großen und Thomas:,.cambridge+2

Thomas von Aquins Begriff der quidditas oder essentia:.wikipedia+1

Veritas est adaequatio rei et intellectus:,.itec.aau+2

Albertus Magnus und seine Unterscheidung innerer Sinne:,,.philosophie.uni-wuerzburg+3

Lockes tabula rasa:,.getabstract+2

Lockes Unterscheidung Sensation/Reflection:,.phi100.weebly+2

Humes Impressions/Ideas:,,,.plato.stanford+4

Das Kopien-Prinzip bei Hume:,.iep.utm+2

Berkeleys »esse est percipi«:,.philosophy+2

Leibniz' Ergänzung »nisi ipse intellectus«:,,,.academia+4

Leibniz' angeborene Konzepte:.journals.copmadrid+1

Kants »zwei Stämme der menschlichen Erkenntnis«:,,.nietzscheandtea.wordpress+3

Raum und Zeit als apriorische Formen:,.reluctantgeek.weebly+2

Synthetische a priori Erkenntnisse bei Kant:,.philosophypages+2

»Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind«:.vocal+1

Chomskys Poverty of the Stimulus und Argument:,.pmc.ncbi.nlm.nih+2

Spelke und frühe Infant Cognition:.d-nb+1

Wang & Feigenson zur intuitiven Empirismus-Bias:.phil871.colinmclear+1

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