Die Schrazlgänge des Bayerischen Waldes: Ein jahrtausendaltes Rätsel
Der Bayerische Wald verbirgt unter seinen Hügeln und Dörfern ein jahrtausendaltes Geheimnis: schmale, labyrinthische unterirdische Gänge, die von Menschenhand aus Stein und Fels gehauen wurden. Die Einheimischen nennen sie Schrazlgänge oder Schrazellöcher, die Wissenschaft kennt sie als Erdställe. Seit mehr als hundert Jahren beschäftigen sich Archäologen, Heimatforscher und Höhlenkunde-Experten mit diesen mysteriösen Anlagen – doch ihr eigentlicher Zweck bleibt bis heute ungeklärt. Dieser Artikel gibt einen umfassenden Überblick über diese faszinierende archäologische Rätsel.
Was sind Schrazlgänge?
Erdställe oder Schrazlgänge sind künstlich angelegte unterirdische Gangsysteme aus dem Mittelalter. Sie bestehen aus engen, winkeligen Gängen mit typischerweise Spitz- oder Rundbögen, verbunden durch noch engere Schlupflöcher, und vereinzelt größeren Kammern. Die Gänge wurden ohne Mauern oder Stützen direkt in standfestes Gestein gegraben – sei es Fels, Löss, Gneis oder sandige Schottergemische.[niederbayern-wiki]
Die charakteristischen Merkmale sind sofort erkennbar:
- Gangbreite und -höhe: Durchschnittlich 1,0 bis 1,3 Meter hoch – vielfach nur im „Entengang" passierbar
- Länge: Von wenigen Metern bis zu 40+ Metern erreichbar
- Tiefe: 3 bis 8 Meter unter der Erdoberfläche
- Ausgrabungstechnik: Mit bergmännischen Methoden hergestellt, ähnlich wie in mittelalterlichen Bergbaubetrieben
- Besondere Merkmale: Lampennischen für Lichter, Sitzbänke, Luftröhren und manchmal Spuren von Holzeinbauten[historisches-lexikon-bayerns]
Der Name: Von Schratzen und Zwergen
Der Name Schrazl oder Schraz stammt aus der bayerischen Volkstradition: Das Wort bezeichnete zwergenhafte Schutzgeister oder Hausgobline, die einer alten Legende nach in diesen unterirdischen Stollen wohnten. Diese Namengebung ist nicht zufällig – wer in den engen Gängen kriechend vorankommt, könnte tatsächlich aus einer zwergenartigen Perspektive heraus die Welt erleben.[jagd-stmk]
Eine interessante historische Erklärung für diese „Zwergen-Legende" liegt möglicherweise in der Kinderarbeit im Mittelalter: Kinder, die schon ab dem 10. Lebensjahr schwere unterirdische Grabungsarbeiten verrichteten, entwickelten während ihrer kritischen Wachstumsphase körperliche Deformationen und Minderwuchs aufgrund der unnatürlichen Körperhaltung und schlechten Ernährung. Im Alter von zwanzig Jahren konnten diese Menschen oft nicht mehr aufrecht gehen, sondern nur noch gebückt. Dies erklärt möglicherweise die vielen Märchen von „Zwergen" in alteuropäischen Sagen – vom germanischen Alberich bis zu den „Sieben Zwergen" der Gebrüder Grimm.[niederbayern-wiki]
Verbreitung: Schwerpunkt Bayerischer Wald
Das Phänomen der Erdställe ist im gesamten nordöstlichen Alpenvorland zu finden, reicht von Bayern über Ober- und Niederösterreich bis in die Slowakei. Bayern ist mit Abstand das Zentrum dieser Forschung:
In Bayern sind über 700 unterirdische Gangsysteme registriert. Die renommierten Erdstallforscher Nikolaus Arndt und Alfred Baierl haben in jahrelanger Arbeit diese 700 Anlagen untersucht und klassifiziert: Davon gelten etwa 151 als „echte" Erdställe, während der Rest andere unterirdische Gänge und Anlagen darstellt (alte Keller, Bergbaustollen, Wasserableitungen).[reddit]
Geografische Häufung
Die höchste Konzentration findet sich im Bayerischen Wald, insbesondere im Landkreis Cham, der donaunah gelegen ist. Weitere Schwerpunkte sind:[historisches-lexikon-bayerns]
- Landkreis Passau und Niederbayern
- Oberpfalz (z.B. Waldmünchen, Arnschwang)
- Oberbayern (z.B. Erding, Kissing, München-Umland)
- Einzelne Funde in siedlungsgünstigen Lagen auf hochgelegenen oder bevorzugten Plätzen
Bemerkenswert: Waldig-unwirtliche Gegenden und Höhenlagen über 800 Meter bleiben frei von Erdställen – ein Hinweis darauf, dass sie nicht zufällig gebaut wurden, sondern gezielt an wichtigen Siedlungsplätzen entstanden.[wanderpfade]
Der Ursprung: Hochmittelalter und bergmännische Kunst
Zeitliche Einordnung
Die frühesten Erdställe stammen aus dem Hochmittelalter, insbesondere aus dem 10. bis 12. Jahrhundert. Einzelne wissenschaftliche Datierungen belegen Anlagen aus:
- Etwa 1000 n.Chr. (Gasthaus Klessinger in Hundsruck)[jagd-stmk]
- 1034–1268 n.Chr. (Rot am See, Radiokarbondatierung)[niederbayern-wiki]
- Jahrhundert (Arnschwang, Landkreis Cham)[stollenfuehrung]
Die Hochblüte dieser Bauweise lag zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert. Ab dem 13. Jahrhundert wurden viele Anlagen wieder verfüllt, eine deutliche Häufung der Verfüllungen zeigt sich im 15. und 16. Jahrhundert. Nach 1500 wurden keine neuen Erdställe mehr gebaut.[niederbayern-wiki]
Interessanterweise zeigen archäologische Funde, dass sich Menschen in einigen Anlagen noch bis 1945/50 aufhielten – möglicherweise in Notzeiten des 20. Jahrhunderts.[historisches-lexikon-bayerns]
Bautechnik und handwerkliche Herkunft
Die Bauweise deutet auf professionelle Handwerker hin: Die Gänge wurden mit bergmännischen Methoden ausgegraben, ähnlich wie in zeitgleichen mittelalterlichen Bergbaubetrieben. Die Werkzeugspuren in den Wänden, besonders im festeren Fels, geben noch heute Auskunft über die Bauweise.[historisches-lexikon-bayerns]
Ein technisches Detail ist aufschlussreich: Bauhilfsschächte wurden angelegt, um Material zu transportieren und Belüftung zu ermöglichen. Diese Schächte wurden nach Fertigstellung der Anlage wieder zugeschüttet – ein Verfahren, das es Archäologen erlaubt, die Bauphase zeitlich besser einzugrenzen.[niederbayern-wiki]
Das Material variierte je nach Standort:
- Fels und Granite (Hundsruck, Waldmünchen)
- Molassesande (Kissing)
- Löss und Sand-Kies-Gemenge
- Mergel (Julbach)
- Gneis (Niederösterreich)[wanderpfade]
Bekannte Standorte und öffentlich begehbare Anlagen
Arnschwang (Landkreis Cham)
Bayerns erst zweiter öffentlich begehbarer Erdstall wurde 2023 in Arnschwang freigelegt und ist für Besucher zugänglich. Die Anlage unter der historischen „Wirtshöhe" stammt aus dem 10. Jahrhundert und bleibt eines der größten ungelösten Rätsel der bayerischen Archäologie.[stollenfuehrung]
Adresse und Kontakt:
- Dorfplatz 2, 93473 Arnschwang
- Telefon: 09977 – 9044111
- Öffnungszeiten: Di/Do 8–12 Uhr, Sa 8–18 Uhr, So 9–18 Uhr
Gasthaus Klessinger, Hundsruck
Unter diesem familiengeführten Gasthaus verbirgt sich eines der am besten dokumentierten Erdstallbeispiele. Der Schrazlgang wurde bei Umbauarbeiten freigelegt und ist teilweise öffentlich zugänglich. Der Gang ist etwa 1,20 Meter hoch und erstreckt sich über 20 Meter, endet in einer Endkammer mit Platz für zwei Personen.[youtube][jagd-stmk]
Die erste urkundliche Erwähnung dieses Schrazlgangs stammt aus dem Jahr 1449, wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge ist er jedoch etwa 1000 Jahre alt. Der Rundbogengang befindet sich in 4 bis 5 Metern Tiefe und zeigt Verfärbungen durch Eisenabsätze an Kluftrissen im Saldenburger Granit. Im Jahr 2006 wurde der Erdstall komplett freigelegt und der ehemalige Kartoffelkeller zum Informationsraum umfunktioniert, in dem Besucher Video-Material und Bilder einsehen können.[gasthaus-klessinger]
Adresse und Kontakt:
- Hauptstraße 31, 94163 Saldenburg
- Telefon: 08504 / 8239
- E-Mail: [email protected]
Julbach (Unterfranken)
Das Julbach-Gangsystem ist eines der ausgedehntesten Erdställe. Ein Hauptstollen mit 41 Metern Länge durchzieht den Schlossberg, von dem mehrere Nebengänge nach Norden abzweigen. Die Gänge wurden vermutlich während der Franzosenkriege im frühen 19. Jahrhundert verfüllt und 1858, 1932 und endgültig 2002 freigelegt.[vjagd]
Waldmünchen (Bleschenberg, Landkreis Cham)
Das „Schrazelloch" am Bleschenberg ist ein besuchbares Naturdenkmal. Allerdings handelt es sich hier eher um ein ehemaliges Bergwerk aus dem 16. Jahrhundert, in dem möglicherweise erfolglos nach Silber und Gold gesucht wurde. Der Schacht ist 26 Meter tief und von einer Aussichtsplattform einsehbar.[erdstallforschung]
Kissing (Oberbayern)
Unter der Kirche St. Peter befinden sich vier unterirdische Gänge, die von der Forschung untersucht, teilweise aber auch wieder zugemauert wurden.[pro-nationalpark]
Zwiesel (Bayerischer Wald)
Der Bayerische Wald um Zwiesel weist mehrere Erdstallvorkommen auf, die über die Jahre untersucht und teilweise freigelegt wurden.[bergfex]
Dachsenschleif in Grainet – Der verborgene Schrazlgang der Haidelregion
Ein weniger bekanntes, aber faszinierendes Beispiel für die Präsenz von Erdställen im Bayerischen Wald ist der Dachsenschleif in Grainet. Der Name „Dachsenschleif" (teilweise auch als „Dachsengeschleif" überliefert) bezeichnet ein Waldstück im Kienzlberger Wald bei Oberseilberg, einer Ortschaft der Gemeinde Grainet im Landkreis Freyung-Grafenau.[erdstallforschung]
Die Lage und das Umland
Oberseilberg liegt etwa zwei Kilometer nordöstlich von Grainet im Schatten des Haidel (1.170 Meter), einem der markantesten Berge der südöstlichen Waldviertel-Region. Das Dorf wurde um 1500 gegründet, vermutlich im Zuge großflächiger Rodungen im Mittelalter. Die Gegend ist heute bekannt für ihre Wanderwege, darunter der „Forsthaus Falkenau Weg", ein ehemaliger Drehort der gleichnamigen ZDF-Serie.[huzern]
Der Schrazlgang und seine Merkmale
Der Dachsenschleif verbirgt einen mittelalterlichen Erdstall, der an einem abfallenden Hang zum Glasbach in Felsgestein gegraben wurde. Die Anlage ist Teil des Phänomens der Erdställe, von denen es in Bayern etwa 700 registrierte Vorkommen gibt – doch der Dachsenschleif gehört zu denjenigen, die lange Zeit unter Erdmassen und Baumwurzeln verborgen waren und erst spät wissenschaftlich untersucht wurden.[erdstallforschung]
Die charakteristischen Merkmale des Dachsenschleif sind:
- Länge: Etwa 25 Meter tiefe Eindringung ins Erdreich
- Struktur: Nach etwa 15 Metern führt ein enger, senkrecht verlaufender Schlupf zu einer zweiten, noch schmaleren Ebene – ein charakteristisches Merkmal vieler Schrazlgänge[erdstallforschung]
- Material: Ausgegraben in die Felswände
- Zustand: Der Eingang war ursprünglich unter Erdmassen und Baumwurzeln versteckt. Im Zuge von Untersuchungen wurde der Eingang vergrößert, doch beim Abtragen der Erdmassen trat ein Teileinsturz des Eingangsbereichs auf, was ein Betreten heute deutlich erschwert[erdstallforschung]
Rätselhafte Funde und Brandspuren
Ein besonders faszinierendes Merkmal des Dachsenschleif sind die Brandspuren, die an Felsdecke und -wand in bestimmten Mustern angeordnet sind. Diese Spuren werden ähnlich wie Felsbilder interpretiert und könnten Malerei oder Markierungen aus rituellen Handlungen darstellen – eine endgültige Deutung steht jedoch noch aus.[erdstallforschung]
Weiterhin wurden im Gang verwitterte Baumstämme gefunden, teilweise in eindringendem Regenwasser liegend – ein Hinweis auf lange Wasserdurchsickerung und mögliche mehrfache Nutzungsphasen.[erdstallforschung]
Forschungsgeschichte und Dokumentation
Der Dachsenschleif war vor 2010 kaum wissenschaftlich und historisch untersucht, obwohl die Örtlichkeit regional bekannt war. Dies lag daran, dass der Zugang durch natürliche Erdansammlungen und Baumwurzeln jahrelang verborgen war. Die wissenschaftlichen Untersuchungen begannen erst später, wobei beim Abtragen der Erdmassen der bereits erwähnte Teileinsturz verursacht wurde.[erdstallforschung]
Eine wichtige frühe Quelle zur Dokumentation ist eine 2008 im Lokalblatt Passauer Neue Presse erschienene Reportage von Katharina Brunner mit dem Titel „Berndl geht Gang auf den Grund" (20. August 2008).[huzern]
Im historischen Atlas von Bayern wird das Waldstück unter der Bezeichnung „Dachsengeschleif" dokumentiert, was auf seine lange bekannte lokale Bedeutung hinweist.[erdstallforschung]
Bedeutung für die Haidelregion
Der Dachsenschleif ist heute eine lokale Touristenattraktion und Sehenswürdigkeit der Haidelregion. Er dokumentiert eindrucksvoll, wie präsent die Erdstall-Phänomene in dieser Gegend sind. Die Haidel-Region mit ihren Gemeinden Grainet, Haidmühle und anderen ist bekannt für ihre reiche Kulturgeschichte, historische Kapellen und eben auch solche unterirdischen Geheimnisse, die unter grünen Wäldern verborgen liegen.
Zugang und aktuelle Besuchsmöglichkeiten
Derzeit ist der Zugang zum Dachsenschleif erschwert bis nicht empfohlen, da der Eingang durch den Einsturz teilweise verschüttet ist und schwer zu erreichen ist. Im Gegensatz dazu sind andere Erdställe in der Region wie der Schrazlgang unter dem Gasthaus Klessinger in Saldenburg kostenlos zugänglich und gut dokumentiert.[gasthaus-klessinger]
Der Dachsenschleif verkörpert das Faszinierende an den Erdställen des Bayerischen Waldes: Ein tausend Jahre altes Geheimnis, lokal verankert in der Haidelregion, archäologisch noch nicht vollständig erforscht, und mit geheimnisvollen Details wie den Brandmalereien, die bis heute Fragen aufwerfen.
Das große Rätsel: Welchen Zweck hatten die Erdställe?
Dies ist die zentrale Frage, die Archäologen seit Generationen beschäftigt. Es gibt keine zeitgenössischen Schriftquellen, die den Zweck erklären. Stattdessen haben sich mehrere wissenschaftliche Theorien herausgebildet – keine ist vollständig zufriedenstellend.
These 1: Fluchtstätten und Verstecke
Eine weit verbreitete Annahme besagt, dass die Erdställe als Zufluchtsorte vor Feinden dienten – sei es vor marodierenden Soldaten, Räuberbanden oder Angreifern bei Fehden im Spätmittelalter.
Argumente dafür:
- Die engen Schlupflöcher ermöglichten wirksamen Schutz gegen Eindringlinge
- Ein Eindringling im Kriechgang wäre bewegungseingeschränkt, könnte Waffen nicht einsetzen
- Mehrere enge Ebenen und Wendungen erschwerten das Eindringen
Argumente dagegen:
- Problem Nr. 1: Die meisten Erdställe haben nur einen Eingang – wer sich hineinflieht, sitzt faktisch in einem Grab, ohne Ausweg
- Problem Nr. 2: Der Sauerstoff ist begrenzt. Auch wenn die Schlupflöcher theoretisch Luft von unteren Ebenen hochführen könnten, reicht das für längere Aufenthalte nicht aus
- Problem Nr. 3: Mit Brandlegung (Rauch) wäre jede Flucht obsolet
- Problem Nr. 4: Labyrinthartig angelegte Gänge, die ins Nichts führen (Sackgassen), eignen sich nicht für Flucht – sie wären als Versteck untauglich
Dennoch: Manche Forscher vertreten die These, dass verzweifelte Menschen trotzdem versucht haben könnten, die Gänge als Zuflucht zu nutzen, ohne rationale Garantie auf Erfolg.
These 2: Kultstätten und Rituale
Eine alternative Erklärung sieht in den Erdställen Kultstätten oder Initiationsorte für religiöse oder spirituelle Praktiken.[historisches-lexikon-bayerns]
Besondere Merkmale, die diese These stützen:
- Die enge, niedrige Passage erzwingt eine Demutshaltung
- Der Sauerstoffmangel könnte zu veränderten Bewusstseinszuständen führen
- Viele Erdställe befinden sich unter heiligen Hainen, bei heidnischen Steinheiligtümern oder wurden später von Kirchen übernommen
- Einige Anlagen zeigen labyrinthische Muster, ähnlich mittelalterlichen Kirchen-Labyrinthen
Mögliche Nutzungen:
- Wiedergeburtsrituale: Durchzug durch die enge „Geburt" aus der Muttererde, Reinigungsrituale ähnlich in vielen Kulturen weltweit
- Büßerei und Askese: Einzelne Menschen trieben möglicherweise freiwillig religiöse Buße, ähnlich wie Einsiedler oder Mönche
- Geheimbünde und Initiationen: Spekulativ, aber nicht ausgeschlossen
- Lichtrituell: Manche Anlagen zeigen Rußspuren von Feuern an den Wänden[niederbayern-wiki]
Diese These hat den Vorteil, dass sie erklärt, warum Menschen solch aufwändige Bauten schufen, ohne einen praktischen Nutzen zu haben.
These 3: Seelengräber und Leergräber
Eine dritte Theorie betrachtet die Erdställe als symbolische Gräber oder Seelenkammern.[niederbayern-wiki]
Hintergrund: Im Hochmittelalter siedelten Menschen oft neu in Gegenden um und mussten ihre Ahnen-Gräber am alten Ort zurücklassen. Diese These besagt, dass Erdställe als „Leergräber" angelegt wurden – symbolische neue Gräber, um die Seelen der verstorbenen Ahnen an den neuen Wohnort zu binden. Die enge, dunkle Kammer sollte den Verstorbenen Aufenthalt geben bis zum Jüngsten Gericht.[niederbayern-wiki]
Besondere Merkmale:
- Oft bei Friedhöfen und unter Kirchen gefunden
- Manchmal nur wenige Meter lange, zu kurz für praktische Nutzung
- Keine Hinweise auf längere Besiedlung durch Lebende
These 4: Sonstige, weniger wahrscheinliche Theorien
- Wasserableitungssysteme: Auszuschließen, da Erdställe oft unter der Wasserlinie liegen und regelmäßig flooded werden
- Lagerkeller: Zu eng und klein für Vorratshaltung
- Bergbau: In keinem Erdstall finden sich Spuren von Minenbetrieb oder wertvollen Rohstoffen
- Bierproduktion: Wurde spekulativ erwähnt, aber ohne konkrete Belege
Forschungsstand und offene Fragen
Die Forscher
Die modernen Erdstallforschung wird seit Jahrzehnten durch dedizierte Hobbyarchäologen und professionelle Forscher betrieben. Besonders hervorzuheben sind:
- Nikolaus Arndt und Alfred Baierl: Schafften in den 2000er-Jahren die Klassifizierung von 700 Anlagen in Bayern
- Arbeitskreis Erdstallforschung: Regional tätige Forschergruppen
- Interessengemeinschaften: Z.B. in Erding und anderen Regionen
- Erdstallforschung Deutschland e.V.: Verbund von Privatforschern und Enthusiasten
Die Forscher führen durch:
- Systematische Vermessungen
- Dokumentation von Baumaterialien und Werkzeugspuren
- Radiokarbondatierung von organischen Funden (Holz, Kohle, Ruß)
- Vergleiche zwischen Anlagen
Warum sind sie trotzdem rätselhaft?
Trotz professioneller Forschung bleiben Erdställe geheimnisvoll, weil:
- Keine schriftlichen Quellen: Aus der Zeit ihrer Erbauung existieren keine urkundlichen Aufzeichnungen über ihren Zweck
- Widersprüchliche Funde: In einigen Anlagen finden sich Rußspuren (Feuer), in anderen nicht; manche zeigen Verschleißspuren (häufige Nutzung), andere nie betreten worden zu sein
- Zu viele Varianten: Es gibt nicht die eine „Art" von Erdstall – manche sind Mini-Tunnel (2–3 Meter), andere ausgedehnte Netze, manche labyrinthisch, andere linear
- Theoretische Luftlöcher: Alle Theorien haben Schwachstellen
Wie ein Forscher es treffend formulierte: „Wenn man auf ein unterirdisches Bauwerk stößt, das für einen bestimmten Zweck geschaffen worden ist, dann findet man den doch heraus in 99% der Fälle." Die Tatsache, dass das hier nicht gelungen ist, deutet darauf hin, dass der ursprüngliche Zweck möglicherweise untrennbar mit einer ausgestorbenen spirituellen oder sozialen Praktik verbunden ist, die keine materiellen Spuren hinterließ.
Erdställe unter Burgen und Wehranlagen
Ein besonderes Unterkapitel betrifft Erdställe unter mittelalterlichen Befestigungen wie Burgen und Schlossberg-Anlagen. Diese stehen in direkter Verbindung mit den Wehranlagen und galten als integrale Bestandteile der Verteidigungsanlage – jedoch nicht als Ausfallgänge (die würden außerhalb der Befestigungsring beginnen).[historisches-lexikon-bayerns]
Beispiele:
- Althöflein (Österreich): Erdstall unter einer 1160 errichteten festen Hauses einer Burganlage
- Julbach (Bayern): Schlossberganlage mit Erdstall-System
- Mehrere Burgen im Bayerischen Wald und der Oberpfalz
Diese Variante legt nahe, dass zumindest ein Teil der Erdställe als Verstecke für Wertgegenstände oder Personen (Familie, Schätze) in Belagerungszeiten dienten – eine lokalisierte Variante der Fluchtstätten-These.
Die gegenwärtige Nutzung: Tourismus und Bildung
In den letzten Jahrzehnten haben mehrere Gemeinden die wissenschaftliche und touristische Bedeutung der Erdställe erkannt:
- Arnschwang: Öffentlich zugänglich mit Informationszentrum
- Gasthaus Klessinger (Saldenburg): Privatnutzung, kostenlose Besichtigung auf Anfrage, Videoband im Informationsraum
- Waldmünchen: Naturdenkmal mit Aussichtsplattform
- Waldlehrpfade: Integration in touristische Wanderrouten und Erlebnis-Angebote
- Museen: Kreismuseum Walderbach (Präsentation und Forschung)
- Dachsenschleif (Grainet): Lokale Sehenswürdigkeit, derzeit schwer zugänglich
Zudem gibt es Dokumentationen und Fernsehbeiträge – etwa eine 2024-er BR-Produktion („Unter unserem Himmel") über Erdställe im Dreiburgenland des Bayerischen Waldes.
Fazit: Das Geheimnis bleibt
Die Schrazlgänge des Bayerischen Waldes stellen uns vor ein faszinierendes archäologisches Rätsel: Menschenhand gruben vor über tausend Jahren enge, labyrinthische Stollen in Stein und Fels, ohne dass wir heute vollständig verstehen, warum.
Ob sie Zufluchtsorte, Kultstätten, symbolische Gräber oder etwas völlig anderes waren – die Antwort bleibt im Dunkeln der unterirdischen Gänge verborgen. Jede Theorie hat ihre Meriten und ihre Lücken. Möglicherweise dienten verschiedene Erdställe verschiedenen Zwecken, je nach Region und Zeit.
Vom bekannten Schrazlgang unter dem Gasthaus Klessinger bis zum verborgenen Dachsenschleif in Grainet – diese Anlagen zeugen von einer mittelalterlichen Kultur, deren Absichten und Praktiken noch heute rätselhaft sind. Sie erinnern uns daran, dass unter den grünen Wäldern und friedlichen Dörfern des Bayerischen Waldes tausend Jahre alte Geheimnisse schlummern, die bis heute ihre Rätsel hüten.
Was bleibt, ist die Bewunderung für die handwerkliche Leistung und die Faszination für ein Geheimnis, das uns mahnend daran erinnert, dass auch heute, im Zeitalter der digitalen Dokumentation, längst nicht alles Wissen unserer Vergangenheit bewahrt ist. Die Schrazlgänge werden weiterhin ihre Rätsel hüten – und damit Generationen von Forschern, Wanderern und Historikern in Atem halten.
Linkliste
https://de.wikipedia.org/wiki/Erdstall[niederbayern-wiki]
https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Erdstall[historisches-lexikon-bayerns]
https://gasthaus-klessinger.de/schrazlgang/[jagd-stmk]
https://www.fichtelgebirge-oberfranken.de/marktleuthen/erdstaelle-schratzelloecher.htm[niederbayern-wiki]
https://www.kulturheimat.de/erdstaelle-in-niederbayern/[reddit]
https://www.zobodat.at/pdf/BerichteGeolBundesanstalt_127_0013-0024.pdf[wanderpfade]
https://www.mittelbayerische.de/lokales/landkreis-cham/in-arnschwang-wurde-der-erst-zweite-oeffentlich-begehbare-erdstall-bayerns-eroeffnet-14814318[stollenfuehrung]
https://www.youtube.com/watch?v=RKDKC-TzJ3g[youtube]
https://burgfreundejulbach.de/Burgfreunde-Julbach-Gangsystem/[vjagd]
https://stollenfuehrung.de/schrazlgang-unter-dem-gasthaus-klessinger/[gasthaus-klessinger]
https://www.sehenswerter-bayerischer-wald.de/schrazelloch-bayern-erstall-oberpfalz/[erdstallforschung]
https://www.kissing.de/leben-wohnen/ortsgeschichte/kissing-und-seine-erste-urkundliche-erwaehnung/die-erdhoehlen-und-tunnelgaenge-von-kissing[pro-nationalpark]
https://www.youtube.com/watch?v=S9vwiT6mQOA[bergfex]
https://www.niederbayern-wiki.de/wiki/Dachsenschleif[erdstallforschung]
https://www.niederbayern-wiki.de/wiki/Oberseilberg[huzern]
https://www.grainet.de/wissenswertes-von-a-z/